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Engagement stößt auf neue Grenzen – Görlitz im Shutdown

Die Corona-Krise verändert die Städte in Deutschland, vor allem in den Grenzregionen. Unser Autor berichtet aus Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. Im September 2019 war die Stadt Station im Rahmen einer von den Kyjiwer Gesprächen organisierten Studienreise. Die ukrainischen TeilnehmerInnen waren damals beeindruckt vom aktiven Leben in der kleinen Stadt und dem offenen Grenzübergang nach Polen. Man konnte einfach über die Grenzbrücken laufen, ohne sich auszuweisen. Doch wie sieht es dort im Frühjahr 2020 aus?

Altstadtbrücke mit Blick auf Zgorzelec. Foto des Autors

Von Steve Nauke, Görlitz

Als ich 2017 für die Arbeit nach Görlitz zog, wusste ich nicht, was mich erwartet. Die Stadt liegt direkt an der deutsch-polnischen Grenze und zählt 56.000 Einwohner. Ich komme aus der Nähe von Leipzig, habe Polnisch im Studium gelernt und dann zwei Jahre in Wrocław und ein Jahr in Chernivtsi gelebt. Ich habe Görlitz als eine besondere Stadt kennengelernt, die sofort eine gewisse Faszination auf mich ausübte. Nun verändert die Pandemie die Stimmung in der Stadt. Eine teils lebendige und internationale Umgebung verwandelt sich in einen leeren, ungewöhnlich ruhigen Ort, der mehr denn je einem Klischee seiner Selbst ähnelt.

Das liegt in erster Linie an den wegen der Corona-Krise beschlossen Ausgangsbeschränkungen und an der Grenzschließung. Seit 2007 war die Grenze zu Polen offen, und gleich hinter der Neiße, nur einen Steinwurf entfernt, befindet sich die Stadt Zgorzelec – wie ein weiteres Viertel, nur in anderer Sprache.

Viele Polinnen und Polen fanden in Görlitz in den letzten Jahren Arbeit – und günstige Mietwohnungen, da vor dem verhaltenen Wirtschaftsaufschwung seit 2010 jahrzehntelang mehr Leute weg- als hinzogen. So entstand viel Leerstand, in denen junge Erwachsene heute ihre Ideen und Ambitionen ohne große Mittel verwirklichen können. Dadurch gibt es in Görlitz eigentlich mehr Initiativen, Aktivismus und liebenswerte Lokalitäten, als ein Blick von außen erwarten lässt.

Ich selbst engagiere mich in einem unabhängigen Programmkino in der Altstadt. Das CamilloKino versteht sich als Ort für kulturelle Bildung und soziales Miteinander. Da ein kommerzieller Betrieb mit Arthouse-Filmen in der kleinen Stadt nicht möglich ist, wird das Kino von ehrenamtlicher Unterstützung getragen. Das Camillo besteht seit 2000, seit 2015 wird es von einem Verein betrieben. Ich bin als Kinobesucher dazu gekommen und helfe heute vor allem bei der Öffentlichkeitsarbeit. So sieht man an manchen Abenden auch einige andere Gäste hinter der Kasse oder der Vorführtechnik. Doch natürlich finden seit Corona keine Vorführungen mehr statt.

Der Autor Steve Nauke im Camillo. Foto: privat

Die spielfreie Zeit kann das Camillo für ein paar Monate überbrücken, da es in einem Haus mietet, deren Eigentümer ein offenes Ohr für Kultur und soziales Engagement haben und nicht auf Profit wirtschaften. Allerdings fallen viele Filme und geförderte Sondervorführungen aus und damit schlichtweg wichtige Einnahmen für das Kino und Honorare für die Beteiligten.

Besonders schmerzlich ist die Verschiebung des Neisse Filmfestivals, das im Dreiländereck gleichzeitig in deutschen, polnischen und tschechischen Spielstätten stattfindet.

Für das Camillo war die Festivalwoche mit Presse, rotem Teppich, weithergereisten Gästen und internationaler Atmosphäre stets das Jahreshighlight. Jetzt sind nicht nur Veranstaltungen untersagt, auch haben Polen und Tschechien ihre Grenzen nach Deutschland geschlossen und ihre Regierungen machen keine Hoffnung auf eine baldige Öffnung.

Franziska Böhm, die vor zehn Jahren zum Studium nach Görlitz zog, ist Vereinsvorsitzende und Programmverantwortliche beim Camillo.

Außerdem betreibt sie das Stadtteilcafé InWest in einem alten Arbeiterviertel. Heute zählt diese Wohngegend zu den günstigsten der Stadt und genießt nicht gerade den besten Ruf. Das Café InWest steht hier für alle offen und ist besonders für diejenigen da, „die überall anders durchs Raster gefallen sind“, wie Franziska es in einem Gespräch im April ausdrückte.

Vor Corona: F. Böhm (re.) bei der Vorbereitung des Filmfestivals. Foto des Autors

Als Sozialarbeiterin sah sie die Notwendigkeit eines Treffpunkts, der Bedürftige auffängt, ihnen Gesellschaft bietet ohne zu überfordern, und so akquirierte sie schließlich EU-Fördermittel für den Betrieb des Cafés. Ein Gemeinschaftsraum, Beratung sowie Speisen und Getränke zum Einkaufspreis können so angeboten werden. Viele Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und Vereinsamte ohne gesellschaftliche Teilhabe nutzten das Angebot. Doch seit Corona sind soziale Kontakte das Problem und nicht die Lösung. Das Café musste Mitte März schließen.

Da der Austausch von Angesicht zu Angesicht aber so wichtig für die Besucherinnen und Besucher ist, wirkt Franziska leicht resigniert. Onlineangebote würden leider gar nicht funktionieren. Um die Kontaktsperre wenigstens etwas abzufangen, arbeitet das Café nun an der Einrichtung einer Telefonberatung.

Die etwas andere Kontaktsperre, die neue alte Grenze zwischen Görlitz und Zgorzelec macht ebenfalls große Probleme. Viele, die auf der einen Seite täglich arbeiten und auf der anderen dauerhaft wohnen, können entweder nicht mehr auf Arbeit oder wurden von ihren Familien getrennt. Nach Protestaktionen Ende April entlang der gesamten deutsch-polnischen Grenze – in Görlitz und Zgorzelec nahmen mehrere hundert Menschen teil – hat Warschau sein strenges Grenzregime etwas gelockert. Seit dem 4. Mai dürfen Berufstätige die Grenze wieder täglich überqueren, ohne in Polen automatisch in Quarantäne zu müssen.

Vor dreizehn Jahren standen die Vorzeichen ganz anders. Es war Deutschland, das nach langem Warten die Hoffnung der Nachbarn auf offene Grenzen erfüllte. Seitdem wurde in Görlitz und Zgorzelec der Spaziergang über die Stadtbrücken fast so normal wie ein Einkauf beim nächsten Bäcker. Nun darf nur nach Zgorzelec, wer einen polnischen Pass oder eine polnische Adresse besitzt und sich nach der Einreise sofort für zwei Wochen in Selbstquarantäne begibt – mit den täglichen Berufspendlern als einzige Ausnahme.

Berufspendler bei der Einreise nach Zgorzelec. Foto des Autors

Der Austausch zwischen Görlitz und Zgorzelec kam so fast völlig zum Erliegen. Keine Einkäufe, keine Restaurantbesuche und keine Spaziergänge in beide Richtungen. An der Autobrücke finden penible Grenzkontrollen statt, während auf der Fußgängerbrücke ein provisorischer Bauzaun die polnische und deutsche Welt voneinander trennt. Zunächst konnte man sich durch diesen noch begrüßen, berühren und küssen, was vereinzelt auch geschah und auf Social Media zelebriert wurde – von den einen als Symbol der Trennung, von den anderen als lustiges Spiel.

Nun sieht man zahlreiche Spaziergänger und Joggerinnen auf der Görlitzer Seite der Neiße, während das Zgorzelecer Ufer zwischenzeitlich fast menschenleer war. Früher war es eher anders herum. Denn nicht nur die Grenzkontrollen sind in Polen strenger, auch die Ausgangsbeschränkungen.

Das soziale Leben findet in Görlitz jetzt also beim Spaziergang statt. Irgendwie sind die autofreien Straßen für mich richtig angenehm, und die größte Stadt Ostsachsens ist nicht mehr gefangen zwischen Provinzdynamik und Großstadtambitionen: die ruheliebenden Bürgerinnen und Bürger finden sich in der erhofften Kleinstadtatmosphäre wieder, die nationalistisch Denkenden freuen sich über die geschlossene Grenze nach Polen, und die Großstadträumer erhalten eine Verschnaufpause, ohne dass das Leben anderswo weiter toben würde. So nutzte Franziska Böhm die letzten Wochen, um sich ein wenig vom vielen Engagement im Kino und Sozialcafé zu erholen. Auch Christian Thomas, der Projektleiter des soziokulturellen Zentrums Rabryka berichtet mir im Gespräch von seinen Eindrücken der Entschleunigung.

Die Rabryka, eine Plattform für Initiativen, Workshops und Veranstaltungen findet seit einigen Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Energiefabrik eine Heimat. In Anlehnung an deren roten Ziegelsteine entstand auch der deutsch-polnische Kunstname des Zentrums. Die veranstaltungsfreie Zeit wird nun genutzt, um die eigenen Formate wie Workshop-Reihen nach Möglichkeit digital umzustellen.

Große Aufmerksamkeit erhielten im April zwei Clubstreamings nach Berliner Vorbild, mit Görlitzer DJs live aus der Rabryka. Getanzt werden konnte zu Hause vorm Computer. Dabei wurden Eintrittsspenden in Höhe von ca. 2000  EUR eingenommen, die jetzt an Görlitzer Kulturinitiativen in finanziellen Nöten weitergegeben werden. Als erstes wird das Café Hotspot unterstützt, eine Ort für Diskussionen, Filme und Konzerte. Christian Thomas verbucht außerdem als Erfolg, dass aus der ungewöhnlichen Aktion ganz neue Formen der Zusammenarbeit entstanden, da Initiativen, Künstlerinnen und Künstler, die vorher eher überregional tätig waren, sich nun stärker lokal orientieren und vernetzen.

Einkaufspassage in Görlitz während der Corona-Schließung. Foto des Autors

Für Görlitz hätte das sicherlich sein Gutes, nur bedeutet es auch, dass weniger Kulturschaffende von außerhalb in die Stadt kommen. Dabei versucht die Stadt seit Jahren, neue Bevölkerungsgruppen anzuziehen, um den stetigen Wegzug auszugleichen. In den Nullerjahren konzentrierte man sich auf Pensionierte, später dann auf Erwerbstätige – vor allem aus Polen, aber auch Freischaffende aus aller Welt. Mit denen beschäftigt sich Constanze Zöllter in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit am Interdisziplinären Zentrum für Stadtumbau.

Im Projekt „Stadt auf Probe“ erforscht sie, wie mobilen Berufstätigen der berufliche und soziale Start in Görlitz gelingt. Zu diesem Zweck konnten schon fast 50 Personen für einen Monat in der Stadt Probewohnen und -arbeiten. Zum Abschluss war für den Sommer ein Netzwerktreffen aller Projektteilnehmenden geplant, das auf großes Interesse stieß. Die Corona-Epidemie verhinderte jedoch zunächst die Durchführung des Treffens. Und diejenigen, die tatsächlich über einen Umzug nach Görlitz nachdachten, kommen so erst einmal nicht in die Gelegenheit, sich vor Ort zu überzeugen.

In Görlitz lässt sich also deutlich beobachten, wie sich durch Corona manche Eigenschaft der Globalisierung zurückdreht, wie das Leben langsamer wird, die Bewegungskreise kleiner, während aber die Digitalisierung weiter voranschreitet. Für das soziale Stadtteilcafé hat diese wenig Nutzen und zwischen Görlitz und Zgorzelec gibt es wieder eine Grenze. Was hier unterdessen zum Glück nur sehr zögerlich ankommt, ist das Virus. Bis zum 5. Mai wurden 22 Erkrankte registriert.

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