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BRIDGING THE DISTANCE – CORONA IN DEN REGIONEN. SERIE, TEIL 2: TSCHERKASSY

Wie die ukrainische Region Tscherkassy es schafft, den Coronavirus einzudämmen

Rentner warten auf die Auszahlung von Leistungen. Foto: Suspilne Tscherkassy

Unsere neue Serie geht der Frage nach, wie sich die Ukraine und die ukrainische Zivilgesellschaft durch die Pandemie verändern. Dabei blicken wir insbesondere auf acht Regionen, in denen die Kiewer Gespräche aktiv sind. Im zweiten Teil der Serie geht es um die Oblast Tscherkassy.

Mit 282 bestätigten Fällen (Stand: 29. April) gehört die Oblast Tscherkassy in der zentralen Ukraine zu den Regionen, in denen die Ausbreitung des Virus relativ langsam verläuft. Zu verdanken ist das der guten Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft, Unternehmen und der Oblastverwaltung. Unsere Autorinnen beobachten die Lage vor Ort.

Vikoriia Feofilova ist Vorsitzende der NGO Moloda Tscherkaschtschyna (Junge Region Tscherkassy).

Tetiana Kavalchuk ist Regionalkoordinatorin der Kiewer Gespräche in Tscherkassy.

Von Vikoriia Feofilova und Tetiana Kavalchuk, Tscherkassy

Die Oblast Tscherkassy, gegründet 1954, ist die jüngste Region der Ukraine und mitten im Land gelegen. Sie zählt 1,2 Millionen Einwohner, von denen 43% auf dem Dorf leben. Tscherkassy rangiert in der Bevölkerungsstatistik mit Platz 15 aller ukrainischen Oblaste im Mittelfeld. Auch auf den Indexen von Bevölkerungsdichte und Durchschnittsgehalt belegt die Region einen mittleren Rang. Gleiches gilt für die COVID-19-Fallzahlen: Mit Stichtag vom 29. April 2020 wurden in Tscherkassy 282 Fälle nachgewiesen (Platz 13 unter allen Regionen), die Anzahl der Fälle steigt langsam an. 

Auf einer führenden Position liegt die Region hingegen in Bezug auf das Volumen ihrer landwirtschaftlichen Produktion. Ein für den Frühling typisches Bild aus Tscherkassy sind die Landmaschinen auf den Feldern der großen Agrarbetriebe und die vielen Menschen, die auf ihren Grundstücken Gemüse setzen. In diesem Frühjahr hat das Coronavirus hier neue Trends hervorgebracht: Gemüse für den Eigenbedarf begannen auch diejenigen zu ziehen, die sich bisher damit nicht befasst hatten.

Derartige Strategien der Autarkie haben sich in der Vergangenheit in der Ukraine schon mehr als einmal bewährt. In einer Situation, in der viele Menschen ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren, gibt der eigene Garten die Sicherheit, dass die Familie zumindest nicht wird hungern müssen. Aktuelle soziologische Umfragen ergaben, dass beinahe 40% der Ukrainer über keinerlei Ersparnisse verfügen, mit denen sie den Zeitraum der Quarantäne überbrücken könnten, und bei etwa einem Drittel (32%) vorhandene Ersparnisse unter den momentanen Verhältnissen höchstens für einen Monat zum Leben reichen würden. Diese Zahlen weisen auf ein ernsthaftes Problem hin.

Freiwillige bereiten Schutzmaterial vor. Foto: Spilnodija

Logistische und psychologische Hilfe

Ein besonderes Augenmerk verdienen hierbei die Bürger in den Städten, die kein eigenes Gartengrundstück und auch keine Verwandtschaft auf dem Land haben und somit keine Möglichkeit zum Obst- und Gemüseanbau für den Eigenbedarf. Quarantäne und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit über einen längeren Zeitraum stellen viele vor große Herausforderungen. Nicht alle kommen damit allein zurecht. Gerade zur Risikogruppe zählende, alleinstehende ältere Menschen und Menschen mit Behinderung oder vorübergehenden Bewegungseinschränkungen bedürfen jetzt besonderer Unterstützung.

Um diesen vulnerablen Gruppen zu helfen, wurde in Tscherkassy die Freiwilligeninitiative Nema samotnikh (Keiner ist allein) ins Leben gerufen. Dutzende freiwillige Helfer besorgen für Menschen, die ihr Heim nicht verlassen können, gegen Kostenübernahme Lebensmittel und Medikamente und bringen sie ihnen vorbei, Liefergebühren berechnen sie nicht.

Momentan versorgen in der Oblast 1300 Sozialarbeiter zusammen 25.000 alleinlebende Ältere mit Diensten in der eigenen Wohnung. Dank der Freiwilligeninitiative kommen weitere 150 Bedürftige in den Genuss solcher Hilfe, und ihre Anzahl steigt stetig. Darüber hinaus sammeln die Helfer auch Spenden, mit denen Lebensmittel und Medikamente für Menschen bereitgestellt und verteilt werden können, die in finanzielle Not geraten sind.

Mit jedem neuen Tag des Pandemiegeschehens und der Quarantäne verstärken sich die psychischen Probleme in der Gesellschaft. Um Menschen in Stresssituationen beizustehen, die sich durch die Quarantäne, den Verlust des Arbeitsplatzes oder die häusliche und familiäre Situation ergeben können, haben sich Psychologen aus der Region zusammengetan. Über eine Hotline sind für jeden kostenfrei halbstündige Beratungen erhältlich, als Unterstützung in einer schweren Zeit. 

Tetiana Kavalchuk liefert Rentnern Medikamente nach Hause. Foto der Autorin

Ausrüstung in den Krankenhäusern

Die Region sieht sich daneben aber auch vor umfassende Herausforderungen gestellt, die nicht durch kleine, lokale Freiwilligeninitiativen aufgefangen werden können. Zur Lösung der systemischen Probleme, vorrangig derjenigen im Gesundheitswesen, sind die Unternehmen in der Region Tscherkassy aktiv geworden. Das Netz medizinischer Einrichtungen in der Region war auf die Belastungen im Zuge der Pandemie nicht vorbereitet: Es fehlte an den nötigen medizinischen Gerätschaften, an persönlicher Schutzkleidung für das Personal, an einem effektiven Meldewesen im Infektionsfall und natürlich auch einer Infrastruktur für Tests.

Erst drei Wochen nach Beginn der Quarantäne hatte die Region endlich diejenigen Einrichtungen ausgewiesen, die COVID-19-Fälle aufnehmen sollten. Es dauerte sogar noch länger, um den Bedarf der Krankenhäuser zu ermitteln, zu registrieren und ein System für die bedarfsgerechte und nachvollziehbare Versorgung mit persönlicher Schutzkleidung zu initialisieren.

Dabei muss hervorgehoben werden, dass Unternehmen und öffentlicher Sektor schnell gehandelt haben. Bereits am 20. März kündigte die agroindustrielle Holding PrAT Myroniwskyj Hliboprodukt (weiter MHP), der größte Steuerzahler in der Region, eine Spende von 14 Millionen Hrywnja (474.000 Euro) zur Bekämpfung der Pandemie an.

Kooperation zwischen unterschiedlichen Akteuren

Damit war für andere Firmen das Signal gegeben, sich ebenfalls einzubringen. Am 24. März trat die Initiative Spilnodija Tscherkaschtschyny: sdolaty COVID-19 (Tscherkassy hält zusammen: COVID-19 besiegen) an die Öffentlichkeit. Gegründet von Vertretern aus Behörden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft hat sich die Initiative zum Ziel gesetzt, die materiellen, finanziellen und kommunikativ-informativen Ressourcen bereitzustellen, die Einrichtungen des Gesundheitswesens vor Ort im Kampf um Menschenleben benötigen.

Die wichtigsten Partner der Initiative haben dabei ihre Funktionen und Zuständigkeitsbereiche definiert:

Die Staatliche Oblastverwaltung Tscherkassy informiert über den aktuellen Bedarf in medizinischen Institutionen der Region. Bei der Agentur für Regionalentwicklung Tscherkassy, einer von regionalen Behörden, Unternehmen, diversen Nichtregierungsorganisationen und Bildungseinrichtungen getragenen NGO, laufen auf einem Sonderkonto Spendenbeiträge zusammen und werden für das jeweils ermittelte, dringendste Erfordernis aufgewendet.


Die Wohltätigkeitsorganisation MHP-Hromadi der agrarindustriellen Holding MHP setzt selbst eingeworbene Mittel und solche von Partnerbetrieben ein, um vorrangig Bedürfnisse von medizinischen Einrichtungen zu finanzieren.

Die NGO Moloda Tscherkaschtschyna (Junge Region Tscherkassy) verwaltet Kommunikationskanäle zwischen Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Bereiche und kontrolliert die Warenbeschaffung.

Bis Mitte April konnte dieser Zusammenschluss über 19 Millionen Hrywnja (c. 645.000 Euro) an Spenden sammeln. Darunter sind Großspenden von Firmen, aber auch viele kleine, von Privatpersonen aufgebrachte Beträge. Damit wurden in großen Mengen Handschuhe, Masken, Spritzschutzschilde, Schutzanzüge, Überschuhe und andere Schutzartikel beschafft.

Ein weiterer Fokus liegt auf Express-Testkits und medizinischem Gerät wie Fieberthermometern, Absaugpumpen und Beatmungsgeräten. Bei deren Beschaffung arbeiten Vertreter von MHP, der Agentur für Regionalentwicklung und der NGO Moloda Tscherkaschtschyna eng zusammen. Sie holen Angebote ein, vergleichen diese und schicken Produktmuster an Ärzte zum Test, um eine ausreichende Qualität der Waren sicherzustellen.

In den ersten Wochen nach Aufnahme der Arbeit durch die Initiative war aufgrund der allgemeinen erheblichen Engpässe im Bereich medizinischer Ausrüstung die Suche nach den erforderlichen Produkten mühsam. Allerdings reagierte der regionale Markt flexibel auf die Nachfrage, und örtliche Firmen stellten um auf die Produktion von Masken, Schutzschilden und Anzügen. Das regionale medizinische Labor führte PCR-Tests durch. PCR (Polymerase-Ketten-Reaktion) ist eine Labormethode zur Diagnostik von Infektionskrankheiten.

Lesya Valyaeva, Freiwillige der Initiative "Keiner ist allein". Foto der Autorin

Ein Krankenhaus wird umfunktioniert

Als komplexeres Problem erwies sich die adäquate Bedarfsermittlung bei den medizinischen Einrichtungen. Krankenhäuser der Region meldeten zusammen einen Bedarf von 300 Millionen Stück Schutzausrüstung an, wobei der Bedarf jeweils großzügig kalkuliert wurde. Unter den Bedingungen von Zeitknappheit und limitierten Ressourcen erwies es sich als schwierig festzustellen, welchen Bedarf an Schutzausrüstung es jeweils wirklich gab und wie dem nachzukommen war, dies umso mehr, als mit unerwarteten Ausbrüchen jederzeit allerorts zu rechnen war.

Zum Beispiel kam es im Rajon Kamianka gehäuft zu COVID-19-Fällen. Das städtische Klinikum war nicht als Behandlungszentrum ausgewiesen, doch aufgrund des Infektionsgeschehens sahen sich die Behörden gezwungen, den Bezirk abzuriegeln und das Krankenhaus schnellstmöglich mit den notwendigen Materialien auszustatten. Eine weitere Herausforderung besteht noch immer darin, einen Überblick zu behalten über die vielen Direktspenden, die bei einzelnen Institutionen eingehen, und Missbrauch zu verhindern. Freiwillige legen in diesem Bereich täglich Bilanzen vor.

Unter dem Namen Tscherkassy vs COVID-19 ist eine weitere Initiative aus dem Zentrum der Oblast, der Stadt Tscherkassy, tätig geworden. Über ihre Plattform werden vor allem Hilfszahlungen von im Ausland lebenden Bürgern von Tscherkassy eingeworben und Spenden zum Ankauf von Schutzausrüstung für Ärzte gesammelt.

Doch sind das nicht die einzigen Beispiele für das Engagement der Wirtschaft im Kampf gegen die Pandemiefolgen. Geholfen wird auch durch eine kostenfreie Abgabe von Produkten. Die Chemiefirma Ukravit etwa beliefert Einrichtungen und Betriebe mit Desinfektionsmitteln aus der eigenen Produktion. Der Hersteller All-Ukrainian Agrarian Council stellt tonnenweise Lebensmittel zur Abgabe an Krankenhäuser und Bedürftige in der Bevölkerung bereit. Das Seidenkombinat Tscherkassy näht Masken und gibt diese nach Bedarf ab. Weitere Fälle ließen sich nennen.

Ruhe und vorsichtiger Optimismus

Staatlichen Statistiken zufolge sind medizinische Einrichtungen in der Oblast Tscherkassy momentan leicht besser ausgestattet als anderswo im Land. In Bezug auf die Anzahl der getesteten Personen schneidet die Region mit am besten ab. Trotzdem ist mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Laut der Statistik auf der Webseite Worldometer werden in der Ukraine am wenigsten PCR-Tests durgeführt, Stand: 23. April. Auf eine Million Bevölkerung werden nur 1544 Menschen getestet. (Im Vergleich beim bestgetesteten Land Island sind es 130 312 pro Million).

Das medizinische Personal behandelt im Gebiet Tscherkassy die Infizierten nach einem rotierenden Schichtsystem, das je einen 24-Stunden-Arbeitstag im Krankenhaus (vier Stunden Arbeit, vier Stunden Erholung, vier Stunden Arbeit usw.) vorsieht, gefolgt von einem freien Tag, der zur Beobachtung in Quarantäne verbracht wird, damit niemand nach Hause zurückkehren muss und die Familie nicht in Gefahr bringt.

Mahlzeiten und Unterbringung für die Quarantänezeit stellen die Behörden vor Ort. Der Bevölkerung steht täglich ein aktualisiertes Informationsangebot über die Facebookseiten der Oblastverwaltung Tscherkassy und der regionalen Gesundheitsbehörde sowie über die Webauftritte der Bürgermeister der größeren Städte zur Verfügung. Lokaljournalisten und Freiwillige haben auf Telegram einen Kanal ins Leben gerufen, über den vertrauenswürdige Informationen zur Coronaviruspandemie in Umlauf gebracht werden. Die Onlinezeitung 18000 bietet jeden Abend eine aktualisierte Zusammenfassung von relevanten Nachrichten aus der Region Tscherkassy, der Ukraine und der Welt.

Die Oblast Tscherkassy hat die erste Etappe der Coronaviruspandemie bisher also in relativer Ruhe überstanden, verfügt jetzt über die nötigen Mechanismen und geregelten Abläufe für eine Zusammenarbeit von Behörden, Gesellschaft und Wirtschaft und blickt daher mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft.

Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten.

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