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„Die Ab­schaffung der Visafreiheit würde ich nicht unterstützen“

Europaabgeordneter Michael Gahler

Die Annäherung an die Europäische Union (EU) war eines der größten Ziele der Maidan-Revolution vor sieben Jahren. Wo steht die Ukraine heute? Sowohl Deutschland, das im Juli dieses Jahres die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat, als auch die EU sehen sich in der Ukraine sowie in den anderen Ländern der Östlichen Partnerschaft (ÖP) mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Das Mitglied unserer Steuerungsgruppe Iryna Solonenko sprach mit dem Europaabgeordneten Michael Gahler über kreative Lösungen, die im Kontext  von Krisen und Konflikten und vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen in Belarus gefragt sind.

 

Kyjiwer Gespäche (KG): Mangelnde Rechtsstaatlichkeit, endemische Korruption und schlechte Regierungsführung sind die Probleme, mit denen sich viele Länder der Östlichen Partnerschaft konfrontiert sehen. In der Ukraine beobachten wir, wie die Unabhängigkeit der Antikorruptionsorgane gerade in Frage gestellt wird. Welche Hebel stehen der EU in einer solchen Situation zur Verfügung? Wäre es denkbar, dass die jüngste Kreditvereinbarung über 1,2 Milliarden Euro oder die Abschaffung des visumfreien Reisens seitens der EU als Druckmittel eingesetzt werden könnten?

 

Man sollte nur sehr vorsichtig Druck ausüben, denn ein Verhältnis auf einer solchen Grundlage verdirbt die Stimmung für eine konstruktive Zusammenarbeit. Es gab bereits Präzedenzfälle, als die EU die Kredittranchen für die Ukraine nicht ausgezahlt hat, da nicht alle Voraussetzungen dafür erfüllt waren. Das kann wieder passieren. Die EU ist über solche Situationen nicht gerade erfreut, doch falls es nötig ist, kann sie standhaft bleiben. Die Ukraine hat viel Geld und Unterstützung von der EU erhalten, deshalb müssen wir hier schon hinterher sein. Es wird auch immer wieder diskutiert, dass man die Abschaffung der Visafreiheit als Druckmittel in Erwägung ziehen könnte. Ich unterstütze eine solche Vorgehensweise jedoch nicht, da diese Errungenschaft hauptsächlich den Bürgerinnen und Bürgern zugute kommt. Das ganze Volk damit zu bestrafen halte ich nicht für richtig, man sollte allenfalls schauen, ob nicht bestimmte Oligarchen oder andere Individuen innerhalb und außerhalb des Staatsapparates, die in Wirklichkeit die Reformen hintertreiben oder gar eine russische Agenda verfolgen,  damit sanktioniert werden könnten.

 

Vor allem jedoch müssen wir in der EU unsere eigenen Richtlinien zur Geldwäscheprävention konsequent und flächendeckend umsetzen –Zypern ist da nur ein Beispiel. Solche gezielten Instrumente sollten wir stärker verwenden und darauf achten, woher das Geld – etwa für teure Immobilien im Westen– kommt.

Hier muss man sagen, dass der Einfluss der EU auf die Ukraine und andere ÖP-Länder natürlich schwächer ist, als es der Fall mit den mittelosteuropäischen Ländern war, da wir den ÖP-Ländern keine EU-Beitrittszusage gemacht haben. Die Perspektive, eines Tages EU-Mitglied zu werden, hat in den mittelosteuropäischen Kandidatenländern enorm zur Umsetzung von Rechtsstaatlichkeit beigetragen.

KG: Drei assoziierten ÖP-Länder (Georgien, Moldau und Ukraine) leiden unter russischer Aggression gegen ihre Souveränität und territoriale Integrität. Gefrorene und aktive Konflikte, die  Russland am Köcheln hält, zeugen davon. Können Sie sich vorstellen, dass die EU eine größere Rolle als sicherheitspolitischer Akteur spielen wird? Sollte die EU das überhaupt wollen?

 

Die Situation in Nagorny Karabakh/Bergkarabach hat gezeigt, dass angeblich eingefrorene Konflikte irgendwann auch wieder heiß werden können. Man sollte alle solche ungelösten Konfliktsituationen aktiv angehen und nicht warten bis sie unvorhergesehen wieder „heiß“ werden. In Georgien hat die EU eine Beobachtermission. Unser Ziel war es, dass die Mission auch von der russischen Seite aus nach Abchasien und Südossetien gelangen kann, das lässt aber Russland nicht zu. Dennoch hat allein unsere Präsenz den Effekt, dass nichts unbemerkt vonstatten geht und in Echtzeit über die schleichende Grenzbefestigung durch Russland (engl.: Borderization) berichtet wird, und zwar nicht nur von Georgien, sondern auch durch uns.

 

Was Transnistrien betrifft, müssen die Ukraine und Moldau enger zusammenarbeiten, um Schmuggel und schmutzige Geschäfte einzuschränken. Die EU sollte so präventiv handeln und diese Punkte auf die Tagesordnung bringen. Was den Donbas betrifft, würde ich für eine aufgestockte und robuste (d.h. bewaffnete, Anm. Kyjiwer Gespräche) OSZE-Polizeimission plädieren. Diese sollte eine starke Präsenz im gesamten besetzen Gebiet haben und die russisch-ukrainische Grenze kontrollieren. An einer solchen Mission würden Europäer und Russen teilnehmen und gemeinsam Truppenbewegungen und ähnliches erfassen. Alles andere ist nicht zielführend. Die aktuelle Mission ist nicht ausreichend, weil sie nicht in der Lage ist, die im Minsker Abkommen vereinbarten Bestimmungen vollumfänglich zu kontrollieren. Man sollte eine solche OSZE-Mission Russland direkt vorschlagen – wenn Russland nicht mitmacht, dann kann man sagen, dass Russland einfach die Ukraine „beschäftigt“ halten will. Die Ukraine muss mindestens 5 Prozent ihres BIPs für die Verteidigung ausgeben. Unter anderen, friedlichen Umständen wären es 3,5 Prozent. Dass Russland Krieg führt, muss politisch immer wieder angeklagt werden, sodass es auf der Tagesordnung bleibt und nicht verschwindet.

 

KG: Welche Lösungen kann die EU für die in Belarus entstandene Pattsituation anbieten?

 

Das ist eine Frage des politischen Drucks. Man will zunächst ins Gespräch kommen, um den Dialog zwischen den Bürgern und dem Regime zu befördern, aber weil Lukaschenka den Dialog mit seinen Bürgern, der EU oder einzeln ihrer Mitgliedstaaaten verweigert, ist bisher  nichts dabei herausgekommen. Lukaschenka hat ja die Wahl krachend verloren, was ziemlich offensichtlich ist. Wir als EU müssen die Sanktionen ausweiten. Diese 40 Personen, die bisher auf der Sanktionsliste sind, das ist lächerlich. Lukaschenko gehört an die Spitze der Liste als Hauptverantwortlicher und Dialogverweigerer.  Estland, Lettland und Litauen haben über 100 Personen auf ihre Liste gesetzt. Man muss genau hinschauen. Wir kennen die Namen von vielen beteiligten Personen. Wir sollten nun versuchen, eine Art zentrale Erfassungsstelle aufzubauen. Wir hatten vor der Wende in Salzgitter (Westdeutschland) für durch die DDR begangenes Unrecht eine solche Zentrale Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen (ZESt). Alle politischen Gefangenen, die man aus der DDR freigekauft hatte, wurden dort befragt: wer war beteiligt? Wie lauten die Namen? Wer hat möglicherweise an der Grenze geschossen? Alle diese Fälle wurden registriert und nach der Wende bearbeitet. Dieses Mittel ist sehr effizient und wirkt präventiv. Wenn in Vilnius eine solche Stelle eingerichtet würde, wo belarusische Anwälte und Menschenrechtsorganisationen, die dort im Exil leben, alles zusammenfassen, dann kann dies vorbeugend wirken; das System wird weniger gewalttätig.

So werden die Übeltäter wissen, dass sie nicht einfach so davonkommen. Wir diskutieren darüber im Auswärtigen Ausschuss und laden Fachleute ein, um diese Informationen zu ordnen. Die Sache ist aber noch in der Diskussionsphase.

Das Land leidet schon jetzt unter einem Wirtschaftseinbruch, die Währung ist deutlich abgewertet. Die 1,5 Milliarden Dollar aus Russland können nur den bereits eingetretenen Verlust der Währungsreserven abdecken. Ich glaube, dass in spätestens einem Monat kein Geld mehr vorhanden ist. Wenn Lukaschenka diejenigen, die die Menschen zusammenschlagen, nicht mehr bezahlen kann, dann wird die Loyalität schwinden. Wir als EU sollten schon jetzt ein Paket ausarbeiten, das aufzeigt, was wir nach einer demokratischen Wahl anbieten, damit die neue, demokratische Regierung weiß, dass sie nicht alleine und nicht nur auf Moskau angewiesen ist. Gleichzeitig ist es wichtig (hier soll die Opposition in Belarus ein Signal geben), dass die Menschen, die im System gearbeitet, aber kein Verbrechen begangen haben, wissen, dass es auch für sie eine Zukunft gibt. Man kann ja nicht alle Leute austauschen. Diejenigen, die an der Spitze waren und sich schuldig gemacht haben, kommen vor Gericht, aber alle anderen müssen wissen, dass sie nicht unbedingt Angst davor haben müssen, ihre Jobs zu verlieren.

Dieses Interview wurde am 12.10.2020 geführt.

 

Michael Gahler ist seit 1999 Abgeordneter im Europäischen Parlament und koordiniert die EVP-Fraktion im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten. Er ist Mitglied im Unterausschuss für Sicherheit und Verteidigung und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr. Gahler ist zudem stellvertretender Vorsitzender der Delegation in der Paritätischen Parlamentarischen Versammlung AKP-EU (Afrika-Karibik-Pazifik), Mitglied der für die Beziehungen zu Südafrika zuständigen Delegation sowie stellvertretendes Mitglied der für die Beziehungen zum Panafrikanischen Parlament (PAP) zuständigen Delegation.Gahler studierte  in Deutschland und zeitweise in Frankreich Jura. Danach durchlief er die Attachéausbildung an der Diplomatenschule des Auswärtigen Amts und arbeitete zwei Jahre lang im Referat „Internationale Umweltschutzpolitik“ des Auswärtigen Amtes. Von 1993–1995 war er im Büro für auswärtige Beziehungen der CDU als Referent tätig, anschließend fünf Jahre als Referent für die baltischen Staaten und den Ostseerat im Auswärtigen Amt.

Am 3. November (15:30 - 17:00) wird Michael Gahler an einer Livestream-Diskussion im Rahmen unserer 16. Jahreskonferenz teilnehmen: "Die Rolle der EU in der unmittelbaren Nachbarschaft – die Ukraine und Belarus im ersten Jahrzehnt der Politik der Östlichen Partnerschaft". Sie können sich den Livestream auf dieser Webseite anschauen oder hier auf Facebook: https://bit.ly/37ELB6Z

 

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