Der Monitor Luftkrieg Ukraine analysiert den russischen Luftkrieg gegen die Ukraine. Themen in dieser Ausgabe: Neue Datenbank: 1.500 erfolgreiche ukrainische Luftschläge auf Russland — Unsere zehn Thesen zur Wirkung ukrainischer Luftangriffe — Der Ukraine gehen die Abfangraketen aus.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine wird von den Kyjiwer Gesprächen in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch und der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben.
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► Zusammenfassung (→ Zum Abschnitt)
► Lage im Juni – Analyse und Trends (→ Zum Abschnitt)
► Hintergrund – Die Ukraine schlägt zurück. Dynamik ukrainischer Luftschläge gegen Russland (→ Zum Abschnitt)
► Zehn Thesen zum Erfolg ukrainischer Luftangriffe (→ Zum Abschnitt)
► Über den Monitor (→ Zum Abschnitt)
► Methode (→ Zum Abschnitt)
► Download (→ Zum Abschnitt)
► Impressum (→ Zum Abschnitt)
Im Juni setzte Russland 5.920 Langstreckendrohnen, Marschflugkörper und Raketen gegen die Ukraine ein, fast ein Viertel weniger als im Mai (7.717). Dieser starke Rückgang ist auf den reduzierten Einsatz von Langstreckendrohnen gegen zivile Ziele im ukrainischen Hinterland zurückzuführen. Insgesamt hat die russische Armee solche Ziele im Juni mit 5.744 Langstreckendrohnen angegriffen – so wenig wie seit Februar (5.059) nicht mehr. Die ukrainische Luftwaffe vermutet, dass Russland Langstreckendrohnen vom Typ Shahed vermehrt an der Front einsetzt, wo sie sich schwerer abfangen lassen und größeren Schaden anrichten können (↗ armyinform, 29.6.2026).
Grafik 1: Drohnenangriffe auf ukrainische Städte und Infrastruktur sanken im Juni um 23 % im Vergleich zum Vormonat.
Ebenso sind weniger Marschflugkörper eingesetzt worden (Juni: 82, Jahresschnitt: 105). Die Angriffe mit ballistischen Raketen steigen hingegen weiter leicht an (Juni: 94, Vormonat: 92, Jahresschnitt: 78).
Eine Auswertung aller Luftangriffe seit 2025 zeigt, dass Russland Umfang und Zusammensetzung seiner Angriffswellen regelmäßig anpasst und die jeweiligen Angriffsmuster anschließend ein bis zwei Quartale lang beibehält. Seit Herbst 2025 flog die russische Armee zwei bis vier große Angriffswellen pro Monat mit jeweils mehr als 400 Drohnen sowie mehr als 30 Marschflugkörpern und Raketen pro Nacht.
Im Juni wurden bei den großen Angriffswellen innerhalb einer Nacht mehr als 600 Drohnen sowie mehr als 50 Marschflugkörper und Raketen eingesetzt. Zudem setzte die russische Armee im vergangenen halben Jahr meist nur viermal im Monat Trägerflugzeuge ein, von denen aus luftgestützte Marschflugkörper starten.
Auch das konkrete Einsatzdatum häuft sich im Verlauf der Monate an bestimmten Tagen: Intensive Angriffswellen fanden in diesem Jahr meist in den ersten drei Tagen sowie um den 14. und 24./25. eines Monats herum statt. Diese statistische Häufung stellt keinerlei zuverlässige Prognose dar, sondern ist lediglich ein zusätzlicher Anhaltspunkt dafür, dass in diesen Nächten vor allem in der Hauptstadt Kyjiw mit großen Angriffswellen zu rechnen ist. Ob und wie lange die russische Armee diesen Rhythmus beibehält, lässt sich nicht voraussagen.
In den vergangenen Monaten hatte die ukrainische Drohnenabwehr ihre Abfangraten kontinuierlich gesteigert – im Juni setzte sich dieser Trend jedoch nicht fort. Der monatliche Durchschnitt an abgefangenen Drohnen sank leicht auf 90,1 % (Vormonat: 91,5 %). Bei besonders intensiven Angriffen mit hohem Drohneneinsatz bleibt die Abfangrate höher als bei weniger intensiven Angriffen, deren Ziele regional verteilt sind. Bei dem Großangriff am 15. Juni sowie bei den jüngsten Angriffswellen am 2. und 6. Juli lag die Abfangrate bei Drohnen zwischen 93 und 96 %.
Die Zahl nicht abgefangener Drohnen ist im Juni erneut gesunken auf 571 (Vormonat: 634). Diese Entwicklung ist seit dem vergangenen Herbst zu beobachten. Die Zielgenauigkeit russischer Drohnen vom Typ Shahed/Gerbera ist seit Oktober zwar gesunken (Grafik 2). Diese Entwicklung verläuft nicht linear. Im Juni stieg die Zahl der getroffenen Objekte erneut leicht auf 485 (Vormonat: 458).
Grafik 2: Die Anzahl nicht abgefangener russischer Drohnen ist weiter rückläufig, dennoch wurden 485 Objekte getroffen (Vormonat: 458).
Die Abschussrate von Marschflugkörpern blieb im Juni auf einem hohen Niveau (79 %, Vormonat: 78 %), bei ballistischen Raketen stieg sie im Monatsschnitt sogar auf 41 % (Vormonat: 26 %). Bei den Großangriffen am 15. Juni sowie am 2. und 6. Juli, die hauptsächlich auf die Hauptstadt zielten, betrug die Abfangrate bei Marschflugkörpern konstant zwischen 95 und 100 %, bei ballistischen Raketen sank sie von 44 % am 15. Juni über 17 % am 2. Juli auf 0 % am 6. Juli, was auf immer knappere Bestände an Abfangraketen hinweist.
Nächte mit intensiven Angriffswellen sind mit enormen Opfern in der Bevölkerung verbunden. Allein in der Nacht auf den 2. Juli starben in Kyjiw 30 Menschen, mehr als 90 wurden verletzt (↗ DLF, 4.7.2026). Beim Großangriff in der Nacht zum 15. Juni wurden mindestens elf Menschen in verschiedenen Regionen der Ukraine getötet, weitere 53 wurden verletzt (↗ Präsidialamt Ukraine, 15.6.2026). Beim Angriff in der Nacht zum 6. Juli starben mindestens 21 Personen (↗ The Guardian, 6.7.2026).
Neben gezielten Angriffen auf Wohngebiete, Postämter und andere zivile Infrastruktur hat die russische Armee in den vergangenen Monaten ihre Angriffe auf Kultureinrichtungen und religiöse Stätten intensiviert. Besonders die Angriffe auf das Höhlenkloster und die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Kyjiw erreichten weltweite Aufmerksamkeit. Präsident Selenskij erklärte am 28. Juni, über 740 religiöse Gebäude in der Ukraine seien beschädigt oder zerstört worden (↗ Präsidialamt der Ukraine, 28.6.2026).
Seit dem Frühjahr greift die russische Armee außerdem gezielt Tankstellen, Treibstofflager und Bahninfrastruktur in der Ukraine an, um die Versorgung zu stören. Betroffen sind vor allem die Gebiete Charkiw, Saporischschja, Sumy und Tschernihiw. Landesweit wurden innerhalb von zwei Monaten mehr als 150 Tankstellen getroffen. Bislang führte dies jedoch nicht zu größeren regionalen Engpässen.
Besorgniserregend ist vielmehr die eingesetzte Waffentechnik: Anlagen des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz in Charkiw und Poltawa wurden binnen einer Woche von mindestens vier ballistischen Raketen getroffen, die zum Teil mit Streumunition bestückt waren (↗ Suspilne, 27.6.2026). Zudem wurde über eine neue Drohnenvariante vom Typ Shahed mit doppeltem Sprengkopf berichtet. Einer dieser Sprengköpfe sei mit Streumunition aus rund 20 kleineren Sprengsätzen bestückt, die ein Gebiet im Umkreis von etwa 80 Metern treffen können. Diese Sprengkörper sind auch deswegen besonders gefährlich, da sie verzögert erst nach zwei bis 20 Stunden detonieren (↗ ISW, 21.6.2026).
Die Personenschäden in frontnahen Regionen der Ukraine sind nach wie vor besonders hoch, unter anderem weil die russische Armee gezielt Menschen auf der Straße jagt, um sie zu töten und auch in Wohngebieten Gleitbomben einsetzt (↗ Monitor Vol. XVI). Bei Angriffen mit Gleitbomben gegen zivile Infrastruktur in Saporischschja starben am 20. Juni mindestens fünf Menschen, zwölf weitere wurden verletzt (↗ armyinform, 20.6.2026). Laut ukrainischen Militäranalysten nehmen Angriffe mit Gleitbomben, gegen die es bislang keine direkte Abwehrmöglichkeit gibt, weiter zu. Aktuellen Berechnungen zufolge wird die russische Armee im Jahr 2026 voraussichtlich mehr als 75.000 gelenkte Gleitbomben einsetzen können, verglichen mit rund 60.000 im Jahr zuvor (↗ FT, 21.6.2026).
Außerdem werden durch bewusste Doppelschläge (double-tap strikes) immer wieder gezielt Rettungskräfte angegriffen und getötet (↗ Monitor Vol. XII). Im Juni wurden vor allem in der Stadt Charkiw solche Angriffe beobachtet, bei denen einem ersten Schlag kurze Zeit später ein zweiter folgt, um Sanitätspersonal, Feuerwehrleute und Angehörige von Opfern zu treffen. Im Gebiet Charkiw nahm die Zahl der Luftangriffe weiter zu. Im Juni wurden an 28 von 30 Tagen Treffer auf die Stadt und zivile Ziele im Umland gemeldet. Russische Angriffe konzentrierten sich im Juni vor allem auf grenz- und frontnahe Regionen wie Dnipro, Tschernihiw, Saporischschja, Sumy und Odesa. In den westlichen Gebieten der Ukraine wurden im Juni hingegen keine Treffer gemeldet.
Grafik 3: Im Juni konzentrierte Russland seine Angriffe auf grenz- und frontnahe Regionen.
Die Situation im Luftkrieg gegen ukrainische Städte und Infrastruktur wird sich erst grundlegend ändern, wenn der Druck auf Russland erheblich steigt. Eine aktuelle Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) zeigt, dass Russland zunehmend Probleme bei der Rekrutierung neuer Soldaten hat und die hohen Verluste kaum noch kompensieren kann (↗ CSIS, 1.7.2026). Dies führte im Frühjahr dieses Jahres zu den ersten russischen Geländeverlusten seit Oktober 2023 (↗ Russia Matters, 24.6.2026).
Der Hebel des Westens, so die Autoren des CSIS, liege in militärischer Unterstützung und ökonomischem Druck: striktere Durchsetzung von Sanktionen gegen Russlands Öleinnahmen und die Schattenflotte, Sekundärsanktionen gegen Banken in China, Hongkong und anderswo. Bislang würden jedoch weder die USA noch Europa ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen (↗ CSIS, 1.7.2026).
Für die militärische Gegenstrategie der Ukraine sind Luftschläge auf das Territorium der Russischen Föderation und die von Russland besetzten Gebiete deshalb von zentraler Bedeutung. Sie zielen darauf, die russische Flugabwehr und Rüstungsproduktion zu schwächen. Um die Wirkung dieser Angriffe besser zu verstehen, müssen deren Dynamik und Wechselwirkungen analysiert werden. Hier setzt die folgende Sonderauswertung des Luftkrieg Monitors an.
Ukrainische Angriffe auf strategische Ziele in Russland sind von zentraler Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf. Gelingt es, Fertigungsanlagen, militärische Depots und logistische Versorgungswege (ground lines of communication, GLOCs) so zu treffen, dass der Nachschub an Waffen, Truppen und Material spürbar ins Stocken gerät, schränkt dies nicht nur die militärische Handlungsfähigkeit der russischen Armee ein. Zugleich erhöht es die Kosten einer Fortsetzung des Krieges und stellt die Fähigkeit Russlands infrage, ihn über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten.
Hinzu kommen die Auswirkungen ukrainischer Luftschläge auf die Öl- und Benzinproduktion: Wenn Einnahmen wegbrechen, schmälert das nicht nur Russlands militärische Kapazitäten, sondern verändert auch das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht, das über die weitere Finanzierbarkeit des Krieges entscheidet.
Ein neues Datenbank-Projekt des Luftkrieg Monitors hat über 1.500 erfolgreiche ukrainische Luftangriffe auf russisches Territorium und von Russland besetzte Gebiete seit 2023 ausgewertet. Diese Zahl spiegelt nicht die eingesetzten Flugkörper wider (Drohnen, Raketen, Marschflugkörper, anfangs auch bemannte Angriffe) – wie etwa die interaktive Karte von Novaya Gazeta Europe und dekoder (↗ Dekoder, 2.7.2026). Sie dokumentiert vielmehr die durch verifizierte Quellen belegbaren Treffer – und zwar jeweils mit Ort, Zeitpunkt und qualitativer Quellenbeschreibung.
Grafik 4: Starke Zunahme ukrainischer Luftangriffe auf die Krim und russisches Staatsgebiet ab Mitte 2025.
Anders als die Datenbank des Luftkrieg Monitors über russische Luftangriffe auf die Ukraine, die den Zeitraum von September 2022 bis heute lückenlos erfasst, erhebt das neue Projekt bisher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es erlaubt aber schon jetzt, die Dynamik und Entwicklung der ukrainischen Luftangriffe auf russisches Territorium oder besetzte Gebiete nachzuzeichnen. Zusammen mit OSINT-Analysen und unabhängigen Auswertungen führender Thinktanks ergibt dies ein präzises Bild, wie der Druck auf Russland verstärkt werden kann, um den Krieg zu verkürzen.
Grafik 5: Die Ukraine führte bis Mitte 2026 so viele Luftangriffe auf die Krim und russisches Staatsgebiet durch wie im gesamten Vorjahr. Galten Angriffe mehreren Zielen, sind diese allen zutreffenden Kategorien zugeordnet.
1. Im zeitlichen Verlauf zeigen sich die wechselnden Schwerpunkte der ukrainischen Angriffskampagnen: Wurden 2023 vor allem Ziele im Schwarzen Meer und symbolisch die Hauptstadt Moskau angegriffen, verschieben sich die Angriffe 2024 auf russische Flugabwehrsysteme und Munitionsdepots sowie 2025 auf Energieanlagen und industrielle Infrastruktur. Im ersten Halbjahr 2026 nahmen die Angriffe auf Nachschubwege (GLOCs) in den von Russland besetzten Gebieten stark zu.
2. Auch die Reichweite ukrainischer Luftschläge verändert sich im Laufe der Jahre – eine wesentliche Bedingung für deren Erfolg: Anfangs konzentrieren sich die Angriffe auf maritime Ziele und die Krim, 2024/25 dominieren Langstreckenangriffe, 2026 verschiebt sich das Gewicht hin zu Angriffen mittlerer Reichweite, um im operativen Rückraum in den besetzten Gebieten Kommandostützpunkte und Waffendepots der russischen Armee zu treffen. (Weitere Informationen zur Klassifizierung der Reichweitenkategorien finden sich im Appendix.)
3. Möglich wird diese Dynamik durch die technologische Entwicklung neuer Waffen: Wurden 2023 vor allem Seedrohnen und von westlichen Verbündeten gelieferte Storm-Shadow-Marschflugkörper und ballistische ATACMS-Kurzstreckenraketen eingesetzt, steigerte die Ukraine 2024 die Fertigung von Drohnen in Massenproduktion. 2025 entwickelte sie ausgereifte Flugkörper eigener Herstellung wie Flamingo, FP-2, Neptune und die Seedrone Magura und besitzt heute ein breites Standardarsenal über alle Reichweiten hinweg (2026).
4. Zentrales Element ukrainischer Luftschläge – und zugleich ihre auffälligste Konstante über die Jahre – ist die kontinuierliche Ausschaltung der russischen Flugabwehr durch gezielte Angriffe auf deren Stellungen. Erst dadurch konnte die ukrainische Armee ab 2025/26 über freiere Korridore effektive Tiefenschläge durchführen (↗ Tochnyi, 23.3.2026, ↗ Monitor Vol. XV).
5. Strategischer Brennpunkt dieser Logik bleibt die Halbinsel Krim. Als „unsinkbarer Flugzeugträger" verdichtet sie russische Flugabwehr, Schwarzmeer-Flotte und Nachschub auf engstem Raum. Im ersten Halbjahr 2026 rückten die Transportwege auf der und zur Krim noch stärker ins Zentrum ukrainischer Angriffe. Ziel der ukrainischen Armee war die systematische Isolation der Halbinsel. Auch russische Ersatzlösungen wie Pontonbrücken, Fähren oder Ersatzstrecken wurden erfolgreich angegriffen. Im Endeffekt wurde die Krim zwar nie vollständig vom Festland abgeschnitten, die Versorgung jedoch auf einen Bruchteil dessen reduziert, was die russische Armee im Feld benötigt (↗ Donald Hill Supplying Crimea, Part 1, 18.6.2026).
6. Die Produktionsstätten der russischen Rüstungsindustrie werden zunehmend präziser getroffen: Nach vereinzelten Angriffen 2024 nahm die ukrainische Armee ab 2025 die gesamte Wertschöpfungskette inklusive der Produktionsorte von Dual-Use-Gütern (Chemie, Sprengstoffvorprodukte) sowie verstärkt die Infrastruktur für den russischen Luftkrieg (Abschussrampen, Rüstungsfabriken) unter Beschuss.
7. Angriffe auf die Ölinfrastruktur entwickelten sich von einer Randnotiz (2023) über die erste größere Welle (2024) zu einem Schwerpunkt ukrainischer Luftschläge (2025) und bleiben 2026 eines der Hauptziele. Dies betrifft nicht mehr nur Raffinerien, sondern auch Pipelines, Pumpstationen und Exporthäfen, was Russlands Einnahmen aus dem Ölgeschäft und die allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung empfindlich trifft. Die Ukraine trifft mit Drohnen inzwischen auch weit entfernte Schlüsselanlagen der russischen Ölinfrastruktur und griff zuletzt Raffinerien in Omsk und Saratow an, die 2.500 km hinter der Front liegen (↗ FAZ, 8.7.2026).
8. Die Angriffe auf die russische Schattenflotte lassen sich als „kinetische Sanktionen“ verstehen – eine Ergänzung zu konventionellen Sanktionen, die nicht konsequent umgesetzt werden. Im Dezember 2025 führten Treffer gegen die Schattenflotte zu einem Anstieg der Kriegsrisiko-Versicherungsprämien im Schwarzen Meer um 300 %, während die Ölexporte aus dieser Region um 30 % zurückgingen. Die „asymmetrische“ Risikokalkulation verläuft zugunsten der Ukraine, da Russlands Schadensrisiko wesentlich höher ist (↗ RUSI 29.1.2026).
9. Seit Anfang 2026 nehmen Angriffe mittlerer Reichweite stark zu. Durch gezielte Unterbrechung russischer Nachschubwege (GLOCs) im Hinterland erschweren sie die Versorgung an der Front massiv. In den letzten Monaten haben Angriffe auf Transportfahrzeuge, Brücken, Flughäfen aber auch Umspannwerke in den von Russland besetzten Gebieten besonders stark zugenommen.
10. Die jüngste Entwicklung im Juni zeigt, dass die operative Isolierung der Krim neben gezielten Tiefenschlägen gegen die russische Ölindustrie zum Schwerpunkt ukrainischer Angriffe wird. Der Druck auf die russische Luftverteidigung steigt: Russland muss zunehmend moderne und hochwertige Abfangsysteme gegen eine Vielzahl von ukrainischen Angriffen einsetzen, während gleichzeitig Hinweise auf sinkende S-300-Bestände zunehmende Zielkonflikte bei der Verteilung knapper Restbestände verdeutlichen (↗ CBS 17.6.2026).
2023 – „Meer & Symbol“ (Machbarkeitsnachweis). Die Schwerpunkte liegen auf der Schwarzmeerflotte, der Krim und dem Kertsch-Brücken-Komplex: Marinedrohnen (USV) gegen russische Schiffe, Luftschläge gegen Krim-Flugplätze und die russische Flugabwehr. Symbolische Angriffe gegen die Hauptstadt Moskau wirken dabei weniger operativ, vielmehr als Teil strategischer Kommunikation. Mit dem Beginn der ukrainischen Gegenoffensive und dem Eintreffen westlicher Reichweitenwaffen steigen die Angriffe im Frühjahr 2023 massiv – vor allem durch Storm-Shadow-Marschflugkörper ab Mai 2023, die hochwertige Ziele weit hinter der Front treffen (↗ IISS 16.5.2023).
2024 – „Luft & Arsenale" (Abnutzung der russischen Luftmacht). Der Schwerpunkt verschiebt sich hin zu Flugabwehrsystemen und Flugzeugen. Parallel dazu werden erstmals in größerem Stil Raffinerien und Ölinfrastruktur sowie große Munitionsdepots getroffen, wie im September in Toropez (Gebiet Twer). 2024 überwiegen Langstrecken-Angriffe deutlich. Der Reichweitensprung nach Tatarstan (Alabuga im April, rund 1.200 km hinter der Front) zeigt, dass auch das russische Kernland keinen absoluten Schutz bietet. Westliche Lieferungen von ATACMS-Raketen und Storm-Shadow-Marschflugkörpern (ab 2023) – letztere erstmals im November 2024 für Angriffe auf russisches Staatsgebiet genutzt – erweitern zunehmend die Möglichkeiten von deep precision strikes (DPS). Durch die Angriffe auf hochwertige Ziele tief im Inneren der Russischen Föderation sinkt Russlands strategischer Vorteil bei der Luftüberlegenheit zunehmend.
2025 – „Wirtschaft & Industrie" (strategischer Wirtschaftskrieg). Der Schwerpunkt verlagert sich zunehmend auf die Energie- und Industrieinfrastruktur sowie russische Produktionsstätten. Die Zahl getroffener Energieanlagen steigt ab August massiv und verdreifacht sich gegenüber dem Vorjahr. Durchgehende Angriffe auf Raffinerien, Pump- und Kompressorstationen, Pipelines und Exportterminals (Ust-Luga, Primorsk, Tuapse, Noworossijsk) führen zu spürbaren Benzinengpässen. Zweiter Schwerpunkt sind Produktionsstätten für Mikroelektronik, Sprengstoff und Treibladungspulver, Drohnen sowie Glasfaser. Zwei strukturelle Brüche prägen das Jahr: Nach dem Rückgang der Raketenangriffe im März 2025 infolge gekürzter US-Militärhilfe kompensieren ukrainische Langstreckendrohnen den Ausfall; gleichzeitig verschiebt sich die Technologie bei den Drohnenmodellen von einfacher Massenproduktion zu hochentwickelten unbemannten Systemen (↗ KSE, November 2025). Die Zahl von Langstrecken-Angriffen verdoppelt sich gegenüber dem Vorjahr vor allem durch die ukrainische Produktion entsprechender Waffen. Eine neue Dimension ukrainischer Angriffe weit im russischen Hinterland markierte am 1. Juni die Operation „Spinnennetz“. Dafür schleuste der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU 117 in Lastwagen versteckte FPV-Drohnen tief nach Russland ein und griff damit zeitgleich vier Militärflugplätze an – von Belaja in Sibirien bis Djagiljewo bei Moskau –, wobei nach ukrainischen Angaben rund 40 strategische Bomber (Tu-95, Tu-22M3) und ein A-50-Frühwarnflugzeug getroffen wurden. Die Krim bleibt 2025 die am häufigsten angegriffene Region. Auch die Angriffe auf Schiffe der Schattenflotte nehmen zwischen Juli 2025 und Januar 2026 stark zu – ein erneuter Anstieg zeichnet sich Anfang Juli 2026 ab.
2026 – „Front & Logistik" (vom Angriff auf Nachschubwege zur Gefechtsfeldabriegelung) Der Schwerpunkt ukrainischer Angriffe verlagert sich zunehmend auf die Nachschubwege der russischen Armee in Russland und in den besetzten Gebieten. Häufigste Ziele sind Bodentruppen, Kommandoposten und Stabsstellen sowie Logistik und Brücken. Am häufigsten getroffen werden die besetzten Gebiete in Donezk, Saporischschja, Luhansk und Teile des Gebiets Cherson. Die Krim verzeichnet im Juni 2026 die höchste Trefferzahl des gesamten Krieges. Gleichzeitig werden Flugabwehrsysteme, Ölinfrastruktur und Logistik (GLOCs), aber auch Dual-Use-Produktionsstätten wie Chemiewerke weiter angegriffen. Den Großteil der Angriffe führen Drohnen aus. Die Ukraine verfügt mittlerweile über ein Arsenal von Angriffswaffen aller Reichweiten. Das Profil der Angriffe ist breiter als 2025: Die strategische Tiefe bleibt erhalten, doch der Schwerpunkt liegt darauf, das operative Vorgehen auf dem Schlachtfeld zu behindern – also Nachschub, Führung und Truppen.
Diese Entwicklung folgt einer klaren militärischen Logik der Interdiktion (Abriegelung): Bereits die Verzögerung von Nachschub mindert die operative Handlungsfähigkeit des Gegners; noch wirkungsvoller ist die vollständige Unterbindung von Lieferungen, am effektivsten schließlich die Zerstörung der transportierten Güter selbst. Ukrainische Angriffe zielen daher zunehmend nicht allein darauf ab, russische Versorgungswege zu stören, sondern die durch Ausweichrouten und Verlagerungen entstehenden Verwundbarkeiten auszunutzen. Umwege und dadurch entstehende längere Transportzeiten und Engstellen erhöhen die Verweildauer von Fahrzeugen und Material in Reichweite ukrainischer Drohnen und schaffen zusätzliche Angriffsmöglichkeiten.
Zugleich erzeugt dieser Ansatz einen kumulativen Effekt. Russische Gegenmaßnahmen – etwa die Verlegung zusätzlicher Luftverteidigungssysteme, der Bau von Pontonbrücken oder der verstärkte Schutz logistischer Knotenpunkte durch Infanterie – binden weiteres Personal und Material. Damit entstehen wiederum neue, identifizierbare Zielobjekte, deren Schutz zusätzliche Ressourcen erfordert. Die operative Interdiktion wirkt damit nicht nur unmittelbar gegen den Nachschub, sondern erhöht zugleich den Ressourcenaufwand für dessen Aufrechterhaltung und Verteidigung (↗ Donald Hill Supplying Crimea, Part 2, 18.6.2026).
Karte ukrainischer Angriffe auf russische Brücken auf der besetzten Halbinsel Krim, Grafik: ⬈ UNITED24 Media, 15.6.2026)
Handlungsempfehlung an westliche Partner: Entwicklung von Deep-Strike-Fähigkeiten verstärkt unterstützen
Die Analyse von deep (precision) strikes (DPS) zeigt, dass Russland selbst dann verwundbar bleibt, wenn es seine Produktionsstätten und Logistik weit ins Hinterland verlegt. Doch nicht nur die Reichweite ist entscheidend. Auch Sprengladung (payload), Steuerung und Geschwindigkeit entscheiden wesentlich über Erfolg, Treffsicherheit und Effektivität der ukrainischen Deep-Strike-Kampagne. Damit die Ukraine diesen strategischen Druck wirkungsvoller gestalten kann, ist die Unterstützung bei der Weiterentwicklung von Antriebssystemen und Navigation eine der wichtigsten Aufgaben westlicher Partnerländer (↗ Monitor Vol. XI).
Die Analysen der ukrainischen Luftschläge werden in den nächsten Monitorausgaben fortgesetzt.
Grafik 6: Regionale Verteilung ukrainischer Luftangriffe auf Ziele in Russland, 2023-2026 (Auswahl). Daten: Perspectus Analytics
Der monatlich erscheinende Newsletter „Monitor Luftkrieg Ukraine – Analysen zum Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur“ stellt Analysen der aktuellen Angriffswellen bereit und zeigt Trends auf, die Einschätzungen zur weiteren militärischen Entwicklung und zu den militärischen Kapazitäten Russlands zulassen.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine richtet sich an politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, an Expertinnen und Experten im sicherheits- und militärpolitischen Bereich sowie an Fachjournalistinnen und Fachjournalisten. Ziel des Monitors ist es, datenbasierte Empfehlungen zu formulieren, wie westliche Partnerländer den Schutz der Ukraine vor russischen Luftangriffen besser unterstützen können. Seit Herbst 2022 ist aus akribischer Analysearbeit eine umfangreiche Datenbank entstanden, die jeden einzelnen Luftangriff Russlands auf zivile Ziele der Ukraine erfasst.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine wird von den Kyjiwer Gesprächen in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch und der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben.
Weitere Informationen zu der Reihe sowie weitere Ausgaben finden Sie auf unserer Website (↗ kyiv-dialogue.org).
Marcus Welsch ist selbstständiger Analyst, Dokumentarfilmer und Publizist. Welsch beschäftigt sich mit OSINT-Journalismus und Datenanalysen seit 2014, besonders zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zu militärischen und außenpolitischen Themen sowie zum deutschen Diskurs darüber. In Kooperation mit den Kyjiwer Gesprächen führt Marcus Welsch seit 2023 Recherchen und Podiumsdiskussionen zur westlichen Sanktionspolitik durch. Seit 2015 betreibt er die Daten- und Analyse-Plattform ↗ Perspectus Analytics.
Die Kyjiwer Gespräche sind eine unabhängige zivilgesellschaftliche Plattform zur Förderung des Dialogs zwischen der Ukraine und Deutschland. Gegründet 2005 als ein internationales Konferenzformat zu gesellschaftlichen und politischen Themen, unterstützen sie seit 2014 zivilgesellschaftliche Initiativen zur Stärkung lokaler Demokratie in der Ukraine. Seit der russischen Vollinvasion 2022 liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Resilienz, sozialem Zusammenhalt sowie sicherheitspolitischen Themen wie der militärischen Unterstützung für die Ukraine und der westlichen Sanktionspolitik. Die Kyjiwer Gespräche sind ein Programm des Europäischen Austausch gGmbH.
Die Datenbank wird regelmäßig mit den Tagesberichten des Institute for the Study of War (ISW) in Washington abgeglichen (↗ ISW). Die erfassten Abschüsse stammen aus Berichten der ukrainischen Luftwaffe (↗ KPSZSU), für die Erwähnung regionaler Ziele und Schäden werden – wenn vorliegend – die Angaben ziviler und militärischer Verwaltungen herangezogen und durch zusätzliche OSINT-Quellen abgeglichen und gelten als weitgehend plausibel.
Datenquellen der Datenbank
Die genaue Quantifizierung von Luftangriffsschäden ist im Kriegsfall problematisch. Zu genaue Angaben würden der russischen Kriegsführung bei der Bewertung und Planung neuer Angriffe in die Hände spielen. Deswegen unterliegt die Berichterstattung Einschränkungen (↗ Expro, 2.1.2025).
Diese Datenauswertung konzentriert sich deswegen auf die Analyse der Angriffe und ihrer Dynamik und weniger auf die Auswertung der Schäden.
Mit Datenpunkten über 46 Monate und über 112.100 ausgewerteten Angriffen lassen sich robuste Trends aufzeigen.
Die monatlichen Zahlen der Flugkörper sind Näherungswerte, da Unregelmäßigkeiten im ukrainischen Zähl- und Meldesystem festgestellt wurden. Abweichungen zu anderen OSINT-Zählungen liegen bei etwa 10 % und darunter, oft unter 3 %.
Ein Vergleich mit der Flugkörperauswertung des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington über einen Zeitraum von über zwei Jahren ergibt eine Abweichung von lediglich 1,6 % (↗ CSIS).
Bei Angriffen, die keine eindeutige Quantifizierung zulassen, wurden die niedrigeren naheliegenden Werte skaliert. Die Abschussraten bei hoher Intensität können aufgrund von ausgebliebenen Meldungen höher ausfallen als angegeben, es wird von einer Abweichung von unter 5 % ausgegangen.
IMPRESSUM
Herausgeber:
Europäischer Austausch gGmbH
Erkelenzdamm 59, D-10999 Berlin
Konrad-Adenauer Stiftung e. V.
Klingelhöferstraße 23, 10785 Berlin
Vertreten durch (ViSdP):
Stefanie Schiffer (Europäischer Austausch gGmbH)
Thomas Vogel (Europäischer Austausch gGmbH)
Dr. Jan-Philipp Wölbern (Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.)
Redaktion und Gestaltung:
Matthias Meier
Lektorat:
Ulrike Gruska
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Titelbild: Brennende Raffinerie in Moskau nach ukrainischen Angriffen, Foto: ↗ Exilenova_Plus, 18.6.2026