Der Monitor Luftkrieg Ukraine analysiert den russischen Luftkrieg gegen die Ukraine. Themen in dieser Ausgabe: Strahlgetriebene Drohnen senken Abfangrate – Langanhaltende Angriffswellen – Hintergrund: Den Druck auf Russland erhöhen.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine wird von den Kyjiwer Gesprächen in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch und der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben.
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Der Krieg in der Ukraine ist derzeit durch eine Ausweitung des Luftkriegs geprägt. Das zeigt sich in Angriffswellen, die im August in Kyjiw bis zu 28 Stunden andauerten und u. a. zur Anpassung des Alarmsystems für die Bevölkerung führten. Dabei kommen verstärkt modernisierte Geran-Drohnen zum Einsatz, die von der Ukraine schwerer abgefangen werden. Der Nachschub an Patriot-Abfangraketen bleibt weiterhin prekär.
Zugleich verschieben beide Seiten ihre strategischen Ziele. Russland greift zusätzlich zu Wohngebieten noch gezielter zivile Logistik- und Versorgungsketten an: Handels- und Postlogistik, Eisenbahn, Häfen und die Schwarzmeer-Schifffahrt sowie Tankstellen und Kraftstoffinfrastruktur – flankiert von wiederkehrenden Angriffen auf Energieanlagen und der offen angekündigten Winterkampagne gegen das ukrainische Stromnetz.
Umgekehrt gelingt es der Ukraine zunehmend, die russische Luftverteidigung zu umgehen und gezielt zu schwächen, ohne dass Russland bislang eine wirksame Gegenmaßnahme findet. Erstmals trafen ukrainische Drohnen auch Einrichtungen der russischen Raumfahrt. Darüber hinaus weitet die Ukraine ihre Angriffe auf Materiallager, Gefechtsstände und Startplätze für Drohnen deutlich aus.
Die russische Armee setzt ihre Angriffe auf Städte und Infrastruktur der Ukraine in hoher Intensität fort. Im August setzte sie 4.903 Langstreckendrohnen gegen zivile Ziele ein (Vormonat: 4.861), blieb damit aber weit unter dem Rekordwert vom Mai (7.503) – vermutlich, weil die Produktion von Langstreckendrohnen derzeit umstrukturiert wird. Der Kreml treibt die Modernisierung von zweitaktmotorgetriebenen Geran-2-Drohnen auf strahlgetriebene Modelle weiter voran – vor allem auf Drohnen vom Typ Geran-4, die deutlich schneller und höher fliegen als ihre Vorgänger (↗ Monitor Vol. XIX).
Abbildung 1: Strahlgetriebene Drohnen lassen Abfangrate sinken
Der Anteil strahlgetriebener Geran-Modelle bei den nächtlichen Angriffen wird mit ein bis zwei Dritteln angegeben, genaue Zahlen liegen nicht vor. Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR geht davon aus, dass Russland monatlich etwa 3.000 Drohnen der Typen Geran-4 und Geran-5 produziert (↗ Militarnyi, 12.8.2026). Satellitenaufnahmen zeigen zudem den Bau zehn neuer Produktionshallen in der Sonderwirtschaftszone Alabuga (Republik Tatarstan), weswegen von einer weiteren Zunahme auszugehen ist (↗ StrategicaviationT, 1.9.2026).
Die jüngste Entwicklung der Geran-Reihe basiert auf einer leicht anpassungsfähigen Modulbauweise. Das Geran-5-Modell ähnelt immer mehr einem Marschflugkörper. Eine CSIS-Studie hebt hervor, die eigentliche Gefahr der Geran-Entwicklung liege nicht in ihrer – bewusst einfachen – Technik, sondern im Tempo der Anpassung: Russland modernisiert die Drohne im Wochentakt reziprok zur gegnerischen Abwehr. Für westliche Bündnisse, die in Beschaffungszyklen von Jahren denken, wird diese Geschwindigkeit eine immer größere Herausforderung (↗ CSIS, 4.9.2026).
Durch den steigenden Anteil von Geran-4-Drohnen sank die Abfangrate im August auf 83 % (Vormonat: 86,8 %) – der schlechteste Wert dieses Jahres. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe liegt die Abfangrate bei Geran-2-Modellen bei 90 bis 95 %, bei strahlgetriebenen Drohnen dagegen nur bei rund 60 % (↗ Suspilne, 1.9.2026).
Russland versucht zudem erneut, den Luftalarm in ukrainischen Städten durch lang anhaltende Angriffswellen über außergewöhnlich lange Zeiträume aufrechtzuerhalten – ein Muster, das an die Angriffswellen im März erinnert (↗ Monitor Vol. XV). Ziel ist es offenbar, den zivilen und wirtschaftlichen Alltag nachhaltig zu beeinträchtigen und die Bevölkerung psychisch zu belasten. Eine kombinierte Angriffsserie mit Drohnen und Raketen am 28. und 29. August dauerte mehr als 28 Stunden und löste 28 Luftalarm-Warnungen aus (↗ CNN, 30.8.2026). Mehrere Menschen wurden verletzt, ein Mädchen getötet (↗ Suspilne, 29.8.2026).
Ukrainische Behörden suchen nach Wegen, diese Störungen durch lang anhaltende Luftalarme abzumildern, insbesondere im Bahnbetrieb. Die Stadtverwaltung Kyjiw und der Bahnbetreiber Ukrsalisnyzja stimmen derzeit ab, wie Transport, Logistik und der Straßenverkehr auf Brücken während länger andauernder Luftalarme organisiert werden können.
Präsident Selenskyj kündigte ein zweistufiges Luftwarnsystem an: Drohnenangriffe sollen künftig eine gelbe Alarmstufe, Bedrohungen durch Raketen den schwerer wiegenden „roten Alarm“ auslösen. Bei „gelbem Alarm“ können bestimmte Unternehmen, soziale Dienste und der öffentliche Nahverkehr den Betrieb aufrechterhalten, auch die östlich des Dnipros überirdisch verlaufende Metrolinie 1 fährt dann weiter.
Die Kriterien für diese Regelungen sollen jede Woche überprüft und die Ausgangssperren flexibler gestaltet werden. Das Alarmsystem wurde auch insgesamt angepasst: Eine Sirene ertönt nun nur noch zu Beginn des Alarms – das Ende wird über andere Informationskanäle wie Apps bekannt gegeben. Der Schutz von Schulen und Bildungseinrichtungen bleibt unverändert bestehen (↗ Selenskyj auf X, 2.9.2026).
Die ukrainische Luftwaffe veröffentlicht seit August nur noch teilweise Angaben zu Angriffen durch Marschflugkörper und ballistische Raketen, sodass belastbare Aussagen zu Einsatz- und Abfangraten nicht möglich sind. Die Einsatzmuster lassen vermuten, dass sich bisher beobachtete Trends fortsetzen (↗ Monitor Vol. XIX).
Im August ist von einem leichten Rückgang der Marschflugkörper mit hoher Abfangrate auszugehen, außerdem von einem weiterhin hohen Anteil an ballistischen Raketen, die wegen fehlender Patriot-Abfangraketen zwischenzeitlich kaum mehr abgeschossen werden konnten. Seit dem 27. August wurden jedoch wieder ballistische Raketen abgefangen.
Ob die Ukraine tatsächlich weitere Patriot-Abfangraketen aus dem Ausland erhält, ist derzeit mehr als fraglich (↗ Monitor Vol. XVI). Aufgrund des globalen Engpasses, analysiert das Institute for the Study of War (ISW) im August, scheine der Kreml zu glauben, die Ukraine mit einer Ausdehnung des Luftkriegs zur Kapitulation zwingen zu können.
Die wachsende Belastung der ukrainischen Flugabwehr durch den Mangel an Abfangraketen und die Weiterentwicklung russischer Geran-Drohnen zeigt sich auch in der Zunahme der Einschläge. Unsere Datenanalyse der täglichen Berichte erfasst dafür die Anzahl der Orte mit registrierten Einschlägen durch Langstreckendrohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen. Im August erreichte die Zahl der Orte mit registrierten Einschlägen den höchsten Monatswert dieses Jahres.
Abbilung 2: Im August wurden mehr Orte bei russischen Luftangriffen getroffen als in jedem anderen Monat dieses Jahres
Zu erwarten ist demnach eine Ausweitung der Raketenangriffe – insbesondere im ballistischen Bereich – entsprechend den wachsenden russischen Produktionskapazitäten (↗ Monitor Vol. XIX). Hinzu kommen ballistische Raketen aus Nordkorea, für die derzeit im Gebiet Woronesch sechs Stellungen gebaut werden. Nordkorea hatte Russland im Juli 50 ballistische Kurzstreckenraketen der Typen KN-23, KN-24 und KN-30 geliefert. Sie führen teilweise deutlich größere Gefechtsköpfe mit, sind aber merklich ungenauer und verfehlen ihr Ziel nicht selten um hunderte Meter – was zusätzliche Risiken für die Zivilbevölkerung bedeutet (↗ ISW, 20.8.2026).
Auch in Belarus wurden an der Grenze zur Ukraine 59 neue Startplätze gebaut, von denen mindestens 20 für den Abschuss von Langstreckendrohnen geeignet sind. Dies stellt auch für NATO-Länder eine Bedrohung dar (↗ Telegraph, 16.8.2026).
Die ukrainische Armee muss deshalb mit weitereichender Munition unterstützt werden, um die neuen Geran-Langstreckendrohnen abzuwehren und benötigt zudem weitere Kampfflugzeuge (Empfehlungen in ↗ Monitor Vol. XIX).
Im August 2026 beschoss die russische Armee immer stärker zivile Logistik- und Versorgungsketten der Ukraine. Fast täglich wurde Handels-, Post- und Lagerlogistik angegriffen.
Auch die systematische Zerstörung der ukrainischen Exportstruktur (↗ Monitor Vol. XIX) blieb im August das Hauptziel russischer Angriffe. Im Gebiet Odesa wurden wiederholt Häfen, Tanklager, Schifffahrt und Getreideexportinfrastruktur getroffen. Immer mehr Reedereien ziehen sich deshalb aufgrund steigender Versicherungskosten zurück.
Laut Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj seien inzwischen rund 90 % der Lagerhäuser großer Lebensmittelketten (u. a. Fora, Varus, Silpo, Novus) zerstört. Versorgungsengpässe erwarte er dennoch nicht: Es werde „keine Hungersnot und keinen systemischen Mangel an Lebensmitteln geben“, so der Minister (↗ Ukrinform, 28.8.2026).
Weiterhin werden Tankstellen entlang der rückwärtigen Hauptverbindungsstraßen (M-03, M-18, P-51, M-30) zerstört. Schwerpunkte sind die Gebiete Charkiw (wo im August die meisten Angriffe stattfanden), Poltawa, Tschernihiw und Dnipropetrowsk.
Die Angriffe auf Umspannwerke, Heiz- und Kraftwerke sowie auf Förder- und Bergbauanlagen halten an. In sechs süd- und ostukrainischen Verwaltungsbezirken kam es wiederholt zu Stromausfällen. Inzwischen kündigt das russische Verteidigungsministerium offen die „Vorbereitung massiver Angriffe auf ukrainische Energieanlagen“ an (↗ MOD Russia, 30.8.2026). Das lässt darauf schließen, dass die Winterkampagne in diesem Jahr deutlich früher beginnt (↗ Monitor Vol. XIX).
Vor allem in den Oblasten Dnipropetrowsk, Charkiw, Odesa, Saporischschja und Sumy trafen Drohnenangriffe Züge, Schienen und Bahnhöfe. Auf der Strecke Schytomyr–Odesa wurde ein Zug mit 593 Passagieren rechtzeitig evakuiert (↗ Ukrajinska Prawda, 23.8.2026). Ab dem 28. August stellte Ukrsalisnyzja den Fahrkartenverkauf streckenweise ein.
Parallel dazu versucht die russische Armee weiterhin, die Zivilbevölkerung zu zermürben. In Kyjiw wurden ein Kinderkrankenhaus und eine Schule getroffen, außerdem die litauische Botschaft sowie Lager von WHO, Rotem Kreuz und der Hilfsorganisation Proliska. In Kramatorsk trafen Angriffe die Notaufnahme des Krankenhauses. Außerdem wurden erneut Kirchen angegriffen, wie die griechisch-katholische Kathedrale in Charkiw und die zentrale „Umma“-Moschee in Kyjiw (↗ Ukrinform, 1.8.2026).
Zudem werden immer wieder Menschen gezielt mit FPV-Drohnen gejagt und angegriffen – eine Praxis, die als human safari bekannt geworden ist. Vor allem in Cherson, zunehmend aber auch in Dnipropetrowsk wurden Passantinnen und Radfahrer, Busse, Märkte und Krankenwagen angegriffen (↗ Monitor Vol. XV).
Im Juli und August wurde rund ein Drittel der jährlichen ukrainischen Druckproduktion vernichtet, als die russische Armee sechs Buchlager, Logistikzentren und Büros in den Gebieten Kyjiw und Charkiw angriff. Allein bei einem Angriff auf ein Lager bei Kyjiw am 27. August wurden 60.000 Bücher vernichtet. Das ukrainische Zentrum für strategische Kommunikation bezeichnet dies als Teil einer Kampagne gegen die ukrainische Sprache und Kultur (↗ Spravdi-Zentrum, 30.8.2026).
Die Verteilung der Angriffe auf die Oblaste hat sich im Vergleich zum Vormonat kaum verändert (↗ Monitor Vol. XIX). Die regional breite Streuung passt zu dem anhaltenden „Sommermuster“ der Angriffe – während der Winterkampagne ist zu erwarten, dass sich Angriffe stärker auf einzelne Regionen konzentrieren, wenn die russische Armee noch gezielter die Energieinfrastruktur angreift (↗ CSIS, 7.7.2026).
Der Kreml verweigert nach wie vor jeden Kompromiss zur Beendigung des Krieges – etwa ein Einfrieren der aktuellen Frontlinie – und knüpft Verhandlungen an seine unveränderten Maximalziele. Er behauptet, die ukrainische Verteidigung stehe vor dem Zusammenbruch und russische Truppen erzielten rasche Geländegewinne. Moskau verbucht dabei infiltriertes Gelände – Eindringen ohne dauerhafte Kontrolle – als realen Geländegewinn. Am tatsächlich gehaltenen Gelände gemessen, verlangsamt sich der Vormarsch, während die Verluste hoch bleiben (↗ ISW, 2.9.2026). Putins derzeitige Einschätzung der Entwicklung an der Front dürfte ihn daher an seinem Kurs festhalten lassen. Die Ukraine hat sich deshalb das Ziel gesetzt, den Druck auf Russland dort zu erhöhen, wo die Kosten des Krieges über das Schlachtfeld hinaus spürbar für Wirtschaft und Gesellschaft werden.
Für ein rascheres Kriegsende müssen verschiedene Hebel gleichzeitig wirken. Zum einen müssen Russlands ökonomische Einnahmequellen massiv beschnitten werden. Es fehlt nach wie vor ein entschiedeneres Vorgehen gegen die russische Schattenflotte sowie der Zugriff der EU auf die eingefrorenen Gelder der russischen Zentralbank. Mit einer Übertragung dieser Vermögenswerte auf eine EU-Verwahrstelle, wie sie die Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehem. deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, Nathalie Loiseau (ehem. französische Europaministerin) und Daleep Singh (Sanktionsexperte in der Biden-Administration) vorschlagen (↗ FAZ, 8.8.2026), könnte Europa der Ukraine weitere Mittel zur Verteidigung zur Verfügung stellen und ihre Verhandlungsposition stärken.
Entscheidender ist aber, der Ukraine strategisch wirksame Mittel in die Hand zu geben, die den Kreml unmittelbar zu echten Verhandlungen und auch Kompromissen zwingen. Dazu gehört in erster Linie die weitere finanzielle und technische Unterstützung bei der Entwicklung und Produktion von Deep Precision Strike-Systemen, die die Ukraine bereits erfolgreich einsetzt.
I. Russische Militärinfrastruktur
Die ukrainische Angriffskampagne blieb im August quantitativ auf einem hohen Niveau (357 verifizierte Treffer; Vormonat: 373, vgl. Übersicht ↗ Monitor Vol. XVIII). Der Schwerpunkt der Ziele hat sich jedoch verschoben: Statt maritimer Anlagen rückte militärische Infrastruktur in den Fokus: Flugplätze, Luftabwehr, Radarstellungen sowie erstmals auch die Raumfahrt- und Trägerraketenindustrie.
Im August führte die Ukraine allein auf die besetzte Krim und russisches Staatsgebiet 151 erfolgreiche Luftangriffe durch
Im August traf die ukrainische Armee doppelt so viele militärische Ziele wie im Vormonat: Kommandostände, Munitions- und Luftwaffendepots; Frühwarn- und Luftraumüberwachungsradare für Tiefflugerfassung und Landekontrolle, Gerät für die Flugabwehr sowie Startplätze und Flugzeuge selbst. Angriffe auf Militärflugplätze wie in Millerowo (Oblast Rostow), Engels-2 (Oblast Saratow) und Jejsk (Region Krasnodar) wirken sich unmittelbar auf den Luftkrieg aus, indem Startbasen für Geran-Drohnen und Luftverteidigungssysteme ausgeschaltet sowie Kampfflugzeuge und Hubschrauber getroffen wurden. (↗ Kyiv Independent, 30.8.2026). Die Angriffe auf den Militärflugplatz Sawasleika (Oblast Nischni Nowgorod) richteten sich zudem gegen die Fähigkeit, Kinzhal-Raketen zu starten, da dort die entsprechenden Träger-Flugzeuge vom Typ MiG-31K stationiert sind (↗ Militarnyi, 15.8.2026).
II. Russisches Raumfahrtprogramm Rasswjet
Neu hinzugekommen ist im August eine bislang kaum sichtbare Dimension ukrainischer long-range strikes: Sie stören gezielt die Infrastruktur für die militärische Raumfahrt und verzögern damit möglicherweise zusätzlich die Versuche Russlands, als Ersatz für den seit Februar unterbundenen Starlink-Zugang das eigene Satellitensystem Rasswjet aufzubauen. In der Nacht zum 15. August griff die ukrainische Armee erfolgreich das Raumfahrtzentrum Progress in Samara an – die einzige russische Fabrik, die Trägerraketen für den Start von Rasswjet-Satelliten in Serie produziert. Am 23. August versuchte sie, das Kosmodrom in Plessetzk anzugreifen, von dem aus die beiden bisherigen Chargen von Rasswjet-Satelliten gestartet waren (↗ Militarnyi, 23.8.2026).
Von der am 19. Juli gestarteten zweiten Charge erreichte laut Daten des ↗ Trackers N2YO bis zum 31. August keiner der 16 Satelliten die Zielhöhe von 550 Kilometern. Damit steigt der Ressourcenverbrauch deutlich und die Lebensdauer der Satelliten verkürzt sich. Viele kreisen in einer Höhe von 300 bis 400 Kilometern, mindestens zwei steuern auf den Wiedereintritt in die Atmosphäre zu (↗ Numerama, 29.8.2026).
Von der am 24. März gestarteten ersten Charge hatten zwölf von 16 Satelliten die vorgesehene Höhe von rund 550 km erreicht. Sie verschaffen dem russischen Militär bislang zwei tägliche Verbindungsfenster von insgesamt 90 Minuten (↗ Monitor Vol. XIX). Damit verfügt Russland weiterhin nicht über ein flächendeckendes, breitbandiges Satellitenkommunikationsnetz vergleichbar mit Starlink, was eine verlässliche Führung, Koordination und Echtzeit-Datenübertragung auf taktischer Ebene erschwert.
III. Russischer Treibstoffsektor
Der eigentliche Druck auf Russland entsteht jedoch nicht allein durch die mangelnden Kapazitäten im Weltraum, sondern in der Tiefe des eigenen Territoriums: Die ukrainischen Angriffe legen die Grenzen der russischen Luftverteidigung immer deutlicher frei. Weder der Kreml noch russische Militärblogger glauben noch an die Möglichkeit einer flächendeckenden Flugabwehr gegenüber der Ukraine (↗ ISW, 20.8.2026). Das zeigen auchdie Entwicklungen im August: Die Verteidigungslast wird auf Unternehmen und Regionen abgewälzt; inzwischen setzt man auf passive Maßnahmen wie Netze, Schutzbauten und Redundanz; die Nachfrage nach Drohnenabwehrsystemen stieg im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als das Sechsfache auf 441,3 Mio. Rubel (↗ Vedomosti, 12.8.2026).
Wirtschaftlich wirken die ukrainischen Angriffe in zwei strategisch wichtige Bereiche in Russland hinein. Im Treibstoffsektor erreichte die Raffineriekapazität Mitte August ein 20-Jahres-Tief (↗ Bloomberg, 28.8.2026). Die dadurch ausgelöste Treibstoffkrise ist inzwischen nicht mehr nur in der russischen Peripherie, sondern selbst in Moskau spürbar (↗ Moscow Times, 19.8.2026). Benzin war nur noch an 28 % der Tankstellen verfügbar. In Moskau führte Gazprom Neft Abgabequoten ein; das Exportverbot für Diesel, Schiffskraftstoff und Gasöle wurde bis zum 30. September verlängert (↗ ISW, 29.8.2026).
Die Gegenmaßnahmen erzeugenFolgeschäden bis in die Rüstungsproduktion, da aromatische Kohlenwasserstoffe in minderwertiges Benzin statt in für die Rüstungsindustrie wichtige synthetische Werkstoffe wie Gummi oder Polymere fließen; auf der Krim führt freigegebenes Benzin der Qualitätsklassen Euro-2 und 3 zu Motorschäden. Um Unruhen zu verhindern, postierte der Kreml Einheiten der Nationalgarde an mindestens 13 Tankstellen in Russland und auf der besetzten Krim (↗ ISW, 19.8.2026).
IV. Russischer Handelssektor
Hinzu kommen Auswirkungen im Handelssektor. Die Angriffe gegen die Logistik der Online-Marktplätze von Ozon und Wildberries, die 15 % der Ausgaben der privaten Haushalte in Russland ausmachen (↗ TASS, 30.8.2026), zeigen Wirkung: Die Verbraucherausgaben fielen binnen weniger Wochen um 15 %. Gestiegene Reparatur- und Sicherheitskosten wälzen die Plattformen über erhöhte Provisionen für Verpackung und Versand auf die Kunden ab, teilweise verlangen sie dafür inzwischen bis zu 55 % des Warenwerts. Die Handelsmarge für Händler sank dadurch von rund 15 auf 5 % (↗ SZRU, 30.8.2026).
Ozon und Wildberries sind auch Beschaffungskanäle für die Soldaten an der Front (↗ Monitor Vol. XIX). Ozon verkauft unter anderem Schutzwesten, Bestandteile von Schusswaffen und Drohnen (↗ Verstka, 28.8.2026).
Die russische Regierung reagierte auf die Angriffe mit der Entlastung der betroffenen Unternehmen und setzte Steuern und Abgaben für Wildberries und weitere Händler bis zum 28. Juli 2027 aus (↗ Interfax, 24.8.2026).
Zugleich ordnet ein Dekret vom 24. August die Übernahme kritischer Infrastruktur – von Treibstoff bis hin zu essentiellen Dienstleistungen – an, sollte diese unzureichend geschützt sein. Hintergrund ist die Haushaltslage – im April rutschte der Saldo der Staatskasse auf ein Minus von 5,5 Billionen Rubel; seitdem wurden die Mittel für zahlreiche nicht vom Krieg betroffene Haushaltsbereiche um 35 Prozent gekürzt (↗ Bloomberg, 27.8.2026).
Der ukrainischen Bevölkerung steht ein weiterer harter Kriegswinter bevor. Putin setzt weiterhin darauf, Zeit zu gewinnen und die USA hinzuhalten, in der Hoffnung, dass der anhaltende Luftkrieg die Ukraine militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich so stark schwächt, dass sie zu weitreichenden Zugeständnissen gezwungen wird. Um dieses Kalkül zu durchbrechen, muss der Druck auf Russland weiter steigen und Moskau erkennen, dass dieser Krieg – auch und gerade durch die zunehmende Verwundbarkeit seiner Luftverteidigung, Wirtschaft und militärischen Infrastruktur – nicht zu gewinnen ist. Dafür braucht die Ukraine deutlich stärkere Unterstützung. Besonders wirksam wäre dabei eine beschleunigte Weiterentwicklung und Produktion von Deep Precision Strike Systems, um die russische militärische Infrastruktur auch in der Tiefe gezielt unter Druck zu setzen.
Ukrainische Luftschläge auf Standorte der E-Commerce-Unternehmen Wildberries und Ozon (↗ Institute for the Study of War, 24.8.26).
Der monatlich erscheinende Newsletter „Monitor Luftkrieg Ukraine – Analysen zum Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur“ stellt Analysen der aktuellen Angriffswellen bereit und zeigt Trends auf, die Einschätzungen zur weiteren militärischen Entwicklung und zu den militärischen Kapazitäten Russlands zulassen.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine richtet sich an politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, an Expertinnen und Experten im sicherheits- und militärpolitischen Bereich sowie an Fachjournalistinnen und Fachjournalisten. Ziel des Monitors ist es, datenbasierte Empfehlungen zu formulieren, wie westliche Partnerländer den Schutz der Ukraine vor russischen Luftangriffen besser unterstützen können. Seit Herbst 2022 ist aus akribischer Analysearbeit eine umfangreiche Datenbank entstanden, die jeden einzelnen Luftangriff Russlands auf zivile Ziele der Ukraine erfasst.
Der Monitor Luftkrieg Ukraine wird von den Kyjiwer Gesprächen in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch und der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben.
Weitere Informationen zu der Reihe sowie weitere Ausgaben finden Sie auf unserer Website (↗ kyiv-dialogue.org).
Marcus Welsch ist selbstständiger Analyst, Dokumentarfilmer und Publizist. Welsch beschäftigt sich mit OSINT-Journalismus und Datenanalysen seit 2014, besonders zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zu militärischen und außenpolitischen Themen sowie zum deutschen Diskurs darüber. In Kooperation mit den Kyjiwer Gesprächen führt Marcus Welsch seit 2023 Recherchen und Podiumsdiskussionen zur westlichen Sanktionspolitik durch. Seit 2015 betreibt er die Daten- und Analyse-Plattform ↗ Perspectus Analytics.
Die Kyjiwer Gespräche sind eine unabhängige zivilgesellschaftliche Plattform zur Förderung des Dialogs zwischen der Ukraine und Deutschland. Gegründet 2005 als ein internationales Konferenzformat zu gesellschaftlichen und politischen Themen, unterstützen sie seit 2014 zivilgesellschaftliche Initiativen zur Stärkung lokaler Demokratie in der Ukraine. Seit der russischen Vollinvasion 2022 liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Resilienz, sozialem Zusammenhalt sowie sicherheitspolitischen Themen wie der militärischen Unterstützung für die Ukraine und der westlichen Sanktionspolitik. Die Kyjiwer Gespräche sind ein Programm des Europäischen Austausch gGmbH.
Die Datenbank wird regelmäßig mit den Tagesberichten des Institute for the Study of War (ISW) in Washington abgeglichen (↗ ISW). Die erfassten Abschüsse stammen aus Berichten der ukrainischen Luftwaffe (↗ KPSZSU), für die Erwähnung regionaler Ziele und Schäden werden – wenn vorliegend – die Angaben ziviler und militärischer Verwaltungen herangezogen und durch zusätzliche OSINT-Quellen abgeglichen und gelten als weitgehend plausibel.
Datenquellen der Datenbank
Die genaue Quantifizierung von Luftangriffsschäden ist im Kriegsfall problematisch. Zu genaue Angaben würden der russischen Kriegsführung bei der Bewertung und Planung neuer Angriffe in die Hände spielen. Deswegen unterliegt die Berichterstattung Einschränkungen (↗ Expro, 2.1.2025).
Diese Datenauswertung konzentriert sich daher auf die Analyse der Angriffe und ihrer Dynamik und weniger auf die Schäden.
Mit Datenpunkten über 48 Monate und über 122.300 ausgewerteten Angriffen lassen sich robuste Trends aufzeigen.
Die monatlichen Zahlen der Flugkörper sind Näherungswerte, da Unregelmäßigkeiten im ukrainischen Zähl- und Meldesystem festgestellt wurden. Abweichungen zu anderen OSINT-Zählungen liegen bei etwa 10 % und darunter, oft unter 3 %.
Ein Vergleich mit der Flugkörperauswertung des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington über einen Zeitraum von über zwei Jahren ergibt eine Abweichung von lediglich 1,6 % (↗ CSIS).
Bei Angriffen, die keine eindeutige Quantifizierung zulassen, wurden die niedrigeren naheliegenden Werte skaliert. Die Abschussraten bei hoher Intensität können aufgrund von ausgebliebenen Meldungen höher ausfallen als angegeben, es wird von einer Abweichung von unter 5 % ausgegangen.
IMPRESSUM
Herausgeber:
Europäischer Austausch gGmbH
Erkelenzdamm 59, D-10999 Berlin
Konrad-Adenauer Stiftung e. V.
Klingelhöferstraße 23, 10785 Berlin
Vertreten durch (ViSdP):
Stefanie Schiffer (Europäischer Austausch gGmbH)
Thomas Vogel (Europäischer Austausch gGmbH)
Dr. Jan-Philipp Wölbern (Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.)
Redaktion und Gestaltung:
Matthias Meier
Lektorat:
Ulrike Gruska
Die Inhalte dieser Publikation und externer Links geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber wieder.
Von einer russischen Drohne zerstörtes Zugabteil, Teil der Installation „Pulsating Pain” (↗ Expolight und Ukrzaliznytsia, 24.2.2026).