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#RegioUkraine. Mariupol: Hafen der Veränderung an der Frontlinie

Grafik: Olga Shchelushchenko

Unsere Serie #RegioUkraine porträtiert die Regionen der Ukraine. Die AutorInnen geben Einblicke in die prägenden Entwicklungen ihrer Heimat. Wir konzentrieren uns auf die acht Regionen, in denen die Kyjiwer Gespräche in den letzten Jahren aktiv sind. Im siebten Teil geht es um Mariupol und die Region Pryasowja.

RegioUkraine erscheint in Kooperation mit "Ukraine verstehen“. 

Von Vira Protskykh, Mariupol

Pryasowja – die ukrainische Küste des Asowschen Meeres und ihr Hinterland  ist eine ganz besondere Gegend. Hier trifft das warme Meer auf den Ostwind und die endlosen Steppen, die Denkmäler längst vergangener Zeiten beherbergen. Eine Region, in der zwischen Wüsten und Inseln die Zentren der Schwerindustrie liegen. Und seit vergleichsweise kurzer Zeit auch Militärposten, die Spuren der Besatzung und des Krieges.

Mariupol ist eine Hafenstadt und das Industriezentrum des Teils der Pryasowja, der zum Oblast Donezk gehört. Seit 2014 ist sie zudem ein militärischer Vorposten im Krieg in der Ostukraine. Welche dieser Identitäten überwiegt, ist schwer zu sagen. Sie alle sind verwoben in einem Prozess des permanenten Umbruchs.

Zur Zeit der Stadtgründung ist die Umgebung geprägt durch kosakische Versorgungs- und Handelsrouten, die durch die Wehranlage von Domacha gesichert wird. Den Startschuss für die Entwicklung der Stadt zum Hafen und Handelszentrum bildet die Ansiedlung der Krimgriechen im Jahre 1779. Letztere gründen in der Umgebung von Mariupol etwa 20 Siedlungen, die bis heute besichtigt werden können. Einige dieser Siedlungen liegen so tief im Inland des Oblast Donezk, dass sie sich heutzutage auf der anderen Seite der Frontlinie befinden.

In der Folgezeit wird Mariupol zu einem multikulturellen Zentrum. Neben Ukrainern, Russen und Griechen leben und arbeiten in der Stadt Juden, Italiener und deutsche Mennoniten. Von diesem kulturellen Erbe ist mit Ausnahme eines Straßennamens nichts übriggeblieben. Die sichtbarste Minderheit bleiben die Griechen, die nach Jahrzehnten der Assimilation, sowie der Repressionen und politischen Säuberungen zur Zeit der Sowjetunion, beinahe ihre Kultur verloren haben. Bedroht sind im Besonderen die historischen Dialekte Urum und Rumeíka. Heute ist die griechische Minderheit bemüht, ihre Traditionen, ihre Kultur und Sprache wiederaufleben zu lassen.

In der sowjetischen Periode wird die Stadt erweitert und zu einer Industriemetropole aufgebaut. Ein Meilenstein der Stadtentwicklung ist die Fertigstellung des Metallurgischen Kombinats Asow-Stahl in der Vorkriegszeit, das sowohl im geografischen als auch im wirtschaftlichen Zentrum der Stadt liegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Mariupol, das zwischenzeitlich in Schdanow umbenannt worden ist, erneut zur Pilgerstätte Arbeitssuchender aus allen Ecken der Sowjetunion.

Ein Blick auf die Schwerindustrie ist in Mariupol allgegenwärtig. Foto: Roxana Kuranova

Das Mariupol der Gegenwart ist auf einem vielversprechenden Weg, ungeachtet des Krieges und der allzeit gegenwärtigen Angst um eine Eskalation des Konflikts, die an der Stadtbevölkerung zehren. Dennoch gilt es, auf dem Weg zu einer für alle lebenswerten Stadt einige verbleibende Hürden zu überwinden. Das betrifft insbesondere die Umweltverschmutzung durch die Stahlfabriken und die Abwanderung der Jugend in andere Regionen des Landes zum Studium oder aus beruflichen Gründen.

Mariupol gehört zur Ukraine

Das Jahr 2014 hat das Leben in der Ukraine grundlegend verändert. Davon ist auch Mariupol nicht verschont geblieben. Ab dem Winter 2014 verbreitete sich in der Stadt eine Stimmung, die sich gegen die ukrainische Zentralmacht richtete. Forderungen nach einem Referendum und dem Anschluss an die sogenannte Donezker Volksrepublik wurden laut. Schließlich wurde die Stadt von bewaffneten Separatisten eingenommen. Die Besatzung dauerte von April bis Juni 2014 an.

Mariupol wurde zum Kriegsgebiet. Die Ungewissheit war täglich spürbar. Wie würde es weitergehen? Die unsichere Versorgungslage löste Panik unter den Menschen aus, Autokorsos verstopften die Straßen, weil die Bevölkerung aus der Stadt zu flüchten versuchte. Zu der Unübersichtlichkeit der Lage gesellte sich das Gefühl der Desinformation, denn täglich verbreiteten sich Neuigkeiten und Gerüchte in derartiger Geschwindigkeit und Fülle, dass es schwer war, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden.

In der Folge begannen einige Städterinnen und Städter, die ihr Glaube an die Souveränität und die Unabhängigkeit der Ukraine einte, sich zu organisieren. Aus den Reihen dieser Gruppe, vor allem Freiwillige und Militärangehörige, sollte eine aktive Zivilgesellschaft erwachsen.

Das im Mai 2014 abgebrannte Gebäude der alten Stadtverwaltung. Foto: Roxana Kuranova

Als die Stadt sich zu einem Kriegsgebiet wandelte, war Aljona Terner gerade 13 Jahre alt. In ihrer Erinnerung ist die Besetzung mehr als nur ein dunkler Nachhall der weit entfernten Einschläge durch Artilleriefeuer, der Schüsse und Schreie und der Wehklagen der Opfer. Einmal führte sie und ihre Freundinnen die Neugier und der jugendliche Leichtsinn geradewegs in ein Versteck der Separatisten im Stadtzentrum.

„Da waren vielleicht drei oder vier Leute. Denen war egal, wer sich ihnen da näherte, die waren mit ihren eigenen Sachen beschäftigt. Wir sind bis zu ihrem Lager gekommen. Da lagen Waffen und Munition, auf den Fensterbänken standen Molotowcocktails. Wir waren so nah dran, wie sie selbst. Wir waren gerade dabei, uns alles anzuschauen, als wir das Klicken einer Sicherung hörten. Als wir uns umdrehten, stand da ein Mann, der eine Waffe auf uns richtete. Ich bin wahrscheinlich noch nie in meinem Leben so schnell gerannt“, erzählt die junge Frau.

Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Aljona dem Tod ins Gesicht blickt. Sie wird mehr als nur einen Angehörigen an der Front verlieren. Sie selbst schließt sich den Freiwilligen an und arbeitet als Sanitäterin.

Aljona Terner (Mitte) mit den Soldaten der ukrainischen Armee. Foto: privat

„Ich habe damals [um den 9.Mai 2014] verstanden, dass das alles nicht richtig ist. Dass irgendjemand in mein Haus kommt, denn ich empfinde Mariupol und die Region als mein Zuhause, und mir das Leben nehmen will, weil ich andere Ansichten habe. Im Laufe der nächsten Jahre habe ich dann ein Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Staat entwickelt und den Willen, seine territoriale Integrität zu verteidigen. Ich habe für mich erkannt, dass ich Teil der Strukturen sein möchte, die für die Interessen des Landes eintreten, dass mein Platz dort ist. Und dass ich um jeden Preis an die Front muss“.

Ihren achtzehnten Geburtstag erlebte sie in den Reihen der aus Freiwilligen zusammengesetzten Sanitätseinheit „Tairas Engel“, in der sie neun Monate arbeitete. In dieser Zeit rettete sie sowohl Soldaten als auch Zivilpersonen aus den kleinen Dörfern, die durch ihre Lage an der Front permanentem Beschuss ausgesetzt waren. In diesen Dörfern leben überwiegend vereinsamte Rentner, zu denen sich weder Verwandte, noch Notärzte vorwagen.

Mittlerweile studiert die junge Frau Sanitätswesen an einer Berufsschule. Ihre Zukunft sieht sie in der Armee. Sie könnte sich vorstellen als Militärsanitäterin zu arbeiten, oder aber in Rehabilitationsprogrammen für Soldaten.

Aljonas Geschichte ist nicht typisch für Mariupol. Jedoch tritt in ihr ein Element zutage, das sie mit einem Großteil der Jugend von Mariupol gemein hat – die aktive Beteiligung am zivilgesellschaftlichen Leben und der Stadtentwicklung. Die Zahl der jungen Leute, die sich entscheiden in der Stadt zu bleiben und zu arbeiten, steigt beständig. Nichtsdestotrotz sorgen der Mangel an stabiler, vielfältiger Arbeit und die geringe Unterstützung junger UnternehmerInnen dafür, dass die Jugend die Stadt in Richtung der Metropolen oder des Auslands verlässt.

Ein Spielplatz im Zentrum von Mariupol. Foto: Roxana Kuranova

Wer einen Spaziergang durch Mariupol unternimmt, dem wird die Nähe zur Front kaum auffallen. Mariupol positioniert sich als Hort der Sicherheit, wo nur noch die Straßenpatrouillen und das abgebrannte Stadtparlament an den Krieg erinnern, welches sich bereits im Wiederaufbau befindet.

Und doch wird man keine einzige Person antreffen, deren Leben der Krieg nicht verändert, die die Bombardierung des östlichen Stadtbezirks nicht mitbekommen und Bekannte durch die Raketen oder durch Flucht verloren hat.

Kulturarbeit bedeutet, gegen den Krieg zu arbeiten

Es wäre falsch zu behaupten, die Entwicklung der Stadt sei nur der Stadtverwaltung und internationalen Stiftungen zu verdanken. Eine wichtige Rolle in der Transformation des „kleinen, grauen Bruders“ von Donezk spielt auch die Zivilgesellschaft, die ihre proukrainischen Positionen und die Unterstützung für die Front vereint. Solidarität hat Mariupol auch aus anderen Städten der Ukraine erfahren.

„Damals im Jahre 2015 gab es ein großes Erwachen des zivilen Bewusstseins. Wenn ihr der Armee helfen konntet, wenn ihr die Stadt verteidigen konntet, warum sollten wir dann jetzt nicht gemeinsam etwas verändern können? Wir können. Außerdem fragten sich viele, was sie machen könnten, während unsere Jungs dort im Krieg sind. Die kämpfen dort gegen äußere Feinde, und wir falten hier die Hände über dem Schoß zusammen“, erzählt Olena Solotorjowa, die sich als Freiwillige für die Stadtgesellschaft und Umweltschutzinitiativen einsetzt.

Umweltaktivistin Solotarjowa. Foto: Roxana Kuranova

Eine dieser vielen Initiativen trägt den Namen „Chalabuda“ und öffnete im Jahr 2016 als dritter öffentlicher Raum, in dem vieles angeboten wird, Brettspiele, Fotografie- und Malkurse, die Möglichkeit zum Englischlernen in einem Klub. Zudem unterstützt „Chalabuda“ die NGO „Pforte des Ostens“.

Dieser Raum entwickelt sich zum Knotenpunkt der zivilgesellschaftlichen Selbsthilfe, wo sowohl die Unterstützung von KleinunternehmerInnen als auch frei zugängliche Bildungsangebote im kreativen und im IT-Bereich ihren Platz haben. Chalabuda arbeitet eng mit der Jugend Mariupols zusammen, die dort Lektionen in Projektmanagement und Beistand bei der Berufsorientierung erhält. Es geht darum, jungen Menschen zu zeigen, wie sie etwas eigenes aufziehen können. 

Seit 2015 sind in Mariupol einige unabhängige Medienprojekte organisiert worden. Zu diesen zählen Suspilne Telebatschennja Donbasu und ihr Projekt Tyschden Mariupolja sowie Hromadske Pryasowja, das seine Aktivitäten leider bereits wieder eingestellt hat. Zu beobachten ist die rasche Entwicklung von Medien mit Schwerpunkt Life Style.

Auch der Kultursektor hat sich unabhängig von den städtischen Museen und kulturellen Einrichtungen weiterentwickelt. In der Stadt wurden einige eigenständige Theater gegründet, in denen sowohl Laien als auch professionelle SchauspielerInnen tätig sind. Konzerte und Literaturabende haben zugenommen. Im Nachzug hat auch die Stadtverwaltung begonnen, kulturelle Veranstaltungen zu fördern, darunter Festivals und Volksfeste.

Freiheitsplatz in Mariupol. Foto: Roxana Kuranova

Einer der Ausgangspunkte der zeitgenössischen Kunst und Kultur in der Stadt wurde die Kunstplattform „Tu“ unter der Leitung von Diana Berg, die vor ihrer Flucht nach Mariupol als Anführerin proukrainischer Proteste in Donezk auftrat.

„Tu“ brachte das mit, woran es Mariupol bisher gefehlt hatte. Zunächst einmal war es das erste Kollektiv, das zeitgenössische, kritische Kunst auf die Mariupoler Konzertbühnen brachte. Unter den Künstlerinnen und Künstlern finden sich bekannte Namen wie Marjana Sadowska, Dakh Daughters, Serhij Schadan und Larisa Wenediktowas Tanzlaboratorium. Zweitens führte das Kollektiv mithilfe der Sprache der Kunst einige tabuisierte Themen in den öffentlichen Raum ein. „Kulturarbeit ist immer auch Arbeit gegen den Krieg“ ist Diana Bergs Lieblingsmotto.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Initiative wurden zur Avantgarde von Mariupol. Die ersten illustren Aktionen, die dem Thema Frauenrechte gewidmet waren, sorgten bei der Mehrheit der Stadtbevölkerung für Unverständnis. Doch nach vier Jahren permanenter Aktivität hat sich die Situation geändert. Ihre GegnerInnen sind nicht verschwunden, aber die Toleranz gegenüber den Aktionen zu diversen wichtigen, wenn auch nicht immer populären Themen ist gewachsen. Gewachsen ist auch die Zahl derjenigen, die bereit sind, mit ihren eigenen Performances auf die Straße zu gehen.

Die Räumlichkeit von „Tu“ sind auch zu einem Ort des Dialoges und des Rückzugs für den Teil der Stadtbevölkerung geworden, der im städtischen Raum für gewöhnlich nicht gerne gesehen wird. Das sind insbesondere junge KünstlerInnen, die weder im Berufsverband der Künstlerinnen und Künstler Aufnahme fänden, noch mit einer Einladung rechnen könnten, ihre Werke in den öffentlichen Museen auszustellen. Es ist ein Raum für Experimente, in der Stereotypen und Vorurteile vermieden werden sollen und in dem jeder den für sich wichtigen Fragen nachgehen kann.

„Ohne Angst und ohne Grenzen“ ist eines der Prinzipien, nach denen die Organisation strebt. Sie setzt ihr Engagement auch im Angesicht der Bedrohungen und Angriffe durch radikale Gruppen fort, und trotz der Kritik vonseiten des konservativ eingestellten Bevölkerungsteils an der offenen Unterstützung der LGBTIQ+-Gemeinde und Geschlechtergleichheit. Die Kunstplattform „Tu“ ist ein Beispiel dafür, wie sich Mariupol zwar mit kleinen Schritten, aber doch zu einer toleranteren und liberaleren Stadt entwickelt.

Eine Veranstaltung bei der Kunstplattform Tu im Januar 2021. Foto: Tu

Von Urlaubsparadiesen und dem Kampf für saubere Luft

Nach der Befreiung Mariupols von der Besatzung warf die rasante Entwicklung der Stadt auch die Frage nach wirtschaftlichen Veränderungen auf. Lange Zeit waren die metallurgischen Kombinate die ökonomische Grundlage der Stadt gewesen. Diese Abhängigkeit wirkte sich auch auf andere Bereiche des Lebens aus.

„Verspürt ein Mensch nach einer mehrtägigen Schicht in der Fabrik noch den Wunsch in eine Ausstellung zu gehen oder sich selbst zu verwirklichen? Wenn er doch eigentlich nur damit beschäftigt ist, seine Familie zu ernähren?“, fragt sich Olena Solotarjowa.

Aber es gab sie, die Veranstaltungen, die seit jeher von vielen MariupolerInnen besucht wurden. Gemeint sind die Umweltproteste gegen die Luftverschmutzung durch die Stahlfabriken.

Betrachtet man die Stadtgeschichte genauer, so wird man erkennen, dass die ersten dieser Proteste schon vor der Unabhängigkeit der Ukraine stattfanden. Eine der größten Aktionen erlebte die Stadt dann in den Jahren 2012 und 2013. Damals schlossen sich mehr als 1000 Menschen an. Auch Olena beteiligte sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal an einem Umweltprotest und begann sich für dieses Thema zu interessieren. Bei der letzten Aktion, das war 2018, beteiligten sich bereits 5000 Menschen.

Eines der im wahrsten Sinne brennendsten Probleme der Stadt besteht darin, dass sich ein bedeutender Teil der Abluft der Kombinate im Zentrum der Stadt staut. Beim Bau der Fabriken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert nahm man keine Rücksicht auf die Windverhältnisse.

Wird die Produktion gesteigert, so erhöht sich auch der Feinstaubanteil in der Luft, was dazu führt, dass die Stadt in einem dunkel-lila Dunst versinkt. Die darin enthaltene Schadstoffkonzentration (Zink, Cadmium, Eisen u.a.) überschreitet die zulässigen Grenzwerte oft um ein Vielfaches.

Unter dieser Situation leidet nicht nur die Luftqualität, sondern auch das Meer. Die Betriebe leiten ihr Abwasser in das Asowsche Meer und den Fluss Kalmius. Dadurch sinkt der Sauerstoffanteil in den untersten Gewässerschichten des Meeres praktisch auf Null. In der Sommersaison trifft man an den Stränden der Stadt deswegen auf Unmengen toter Fische.

Olena gibt offen zu, dass es äußerst schwierig ist, auf die großen Betriebe mit lokalen Initiativen einzuwirken. Es braucht Gesetzesinitiativen und außerdem muss auf staatliche Institutionen und Ministerien eingewirkt werden. Die Zivilgesellschaft verfügt kaum über effektive Instrumente, abgesehen von öffentlichkeitswirksamen Aktionen, um Druck aufzubauen. Die Fabriken gehören dem Oligarch Rinat Achmetow, dessen Position durch die Deals mit PolitikerInnen seit Jahren gesichert ist.

„Viele sind enttäuscht von den Umweltaktivisten, denn die Früchte ihrer Arbeit sind nicht sofort erkennbar. Nach so einer Aktion hören vielleicht vier oder fünf Schornsteine auf zu rauchen. Das ist eine wenig abwechslungsreiche, langwierige Arbeit, die nur wenige machen wollen. Aber die, die sie machen, wissen sehr gut, wie wichtig der gesellschaftliche Druck ist, und was er für positive Auswirkungen haben kann“.

 

Ein "Schlackenberg" aus industriellen Resten direkt am Meer. Foto: Roxana Kuranova

Im Jahr 2013 wurde dank der Aktionen ein altes Stahlwerk im Stadtzentrum geschlossen. Die Aktivisten verfolgen den Modernisierungsprozess der Betriebe sehr genau und machen dabei klar, dass sie sich nicht ohne Weiteres abspeisen lassen werden.

„Unsere Position wird oft als sehr gemäßigt empfunden. Aber für mich ist sie vor allem logisch. Wir fordern nicht die Schließung der Betriebe, denn die Stadt würde ohne sie eingehen. Unsere Forderung an die Führungsetage der Betriebe besteht in der bestmöglichen Modernisierung, und an die Stadtverwaltung gerichtet, in der Förderung von Unternehmen, so dass der Haushalt aus einer größeren Vielfalt an Quellen gefüllt wird. Früher oder später werden die Fabriken schließen, das ist absehbar. Aber das sollte möglichst schmerzlos geschehen“, erzählt Olena.

Doch der Umweltaktivismus in Mariupol beschränkt sich nicht auf den Kampf um saubere Luft. Ebenso eifrig betreiben Initiativen die Arbeit am Bewusstsein für Mülltrennung, Wiederverwertung und das „zero waste“-Prinzip. Sie lehren die Bürgerinnen und Bürger ihre Abfälle zugunsten ihrer Wohnquartiere zu monetisieren.

Eine Alternative zur Weiterentwicklung des städtischen Industriesektors ist die Idee einer Umgestaltung der Stadt zum Urlaubs- und Tourismuszentrum der Region Pryasowja. In Laufe der vergangenen Jahre ist Mariupol anziehender und gastfreundlicher gegenüber TouristInnen geworden. Die Infrastruktur entwickelt sich, und es gibt Besichtigungsmöglichkeiten. Zudem haben sich Großevents wie das Gogol-Fest etabliert, zu denen Menschen aus dem ganzen Land anreisen.

Die Stadtstrände beeindrucken nicht unbedingt durch Sauberkeit und Qualität. Eine gefahrlos begehbare Seebrücke ist erst 2020 gebaut worden. Dennoch kann man sich die Stadt sehr gut als touristisches Zentrum vorstellen.

Mariupol ist eine Stadt mit großem Entwicklungspotenzial, die über ambitionierte Pläne verfügt. Eine Stadt, in deren verlassenem Zentrum die BesucherInnen sowohl dem fernen Grummeln der Fabriken als auch den Bässen nächtlicher Raves lauschen kann. Eine Stadt, die die Region Pryasowja und den Donbas in sich vereint, und die kennenzulernen sich unbedingt lohnt.

Aus dem Ukrainischen von Dario Planert

Den ersten Teil der Serie #RegioUkraine aus Mykolajiw lesen Sie hier.

Den zweiten Teil der Serie #RegioUkraine aus Slowjansk lesen Sie hier

Den dritten Teil der Serie #RegioUkraine aus Uschhorod lesen Sie hier

Den vierten Teil der Serie #RegioUkraine aus Odessa lesen Sie hier

Den fünften Teil der Serie #RegioUkraine aus Charkiw lesen Sie hier

Den sechsten Teil der Serie #RegioUkraine aus Lwiw lesen Sie hier

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