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Wie die moderne Kunst eine ukrainische Küstenstadt verändert

"Deine Welt hat Bedeutung". Ein Street-Art-Objekt von Gamlet Zinkivskyi

Der berühmte Streetart-Künstler Gamlet Zinkivskyi malt nur in sieben Tagen acht Kunstobjekte in Berdjansk. Sie sollen zeigen, dass die urbanen Räume neu gedacht werden können.

Von Inga Pylypchuk, Berdjansk

Im sommerlichen Berdjansk in der Nähe der Promenade herrscht Kurortstimmung. Man kauft Souvenirs, bespricht die riesigen Quallen, die in diesem Sommer das Asowsche Meer befallen, der Wind der Steppe trägt Erfrischung und den Geruch von Kräutern in die Stadt. Im Winter ist Berdjansk eine ziemlich verschlafene 100-Tausend-Einwohnerstadt, doch im Sommer blüht sie auf.

Diesen Sommer kommen sogar mehr BesucherInnen als sonst. Wegen der Pandemie können die meisten UkrainerInnen nicht ins Ausland reisen: Entweder sind die Grenzen geschlossen (wie bei den meisten EU-Ländern), oder die Anreise kompliziert und riskant wie in die Türkei, etc. So werden die UkrainerInnen gezwungen, den Urlaubsservice in ihrem eigenen Land besser kennenzulernen. Oder positiver gesagt: Ihr Land neu zu entdecken.

Dieses Motiv spiegelt sich auch im Titel der Ausstellung des Künstlers Gamlet Zinkivskyi wider: „Erdung“ (7. Juli bis zum 10. August). Sie besteht aus drei Teilen, die jeweils mit dem Bedeutungsfeld von Erde und Erdung zu tun haben. Und obwohl auch Themen wie Grundstückbesitz im letzten Jahrhundert in der Ukraine oder der aktuelle Krieg mit Russland behandelt werden, weist der Titel vor allem auf den Zustand der pandemischen Gegenwart hin, in dem die Menschen sich mehr denn je an den eigenen Wohnort gebunden fühlen.

 

Gamlet Zinkivskyi bei der Ausstellungseröffnung. Foto: W. Moroz

Gamlet Zinkivskyi kommt aus Charkiw und gehört zu den berühmtesten Street-Art-KünstlerInnen der Ukraine. Seine Werke wurden mehrmals international ausgestellt. Dank der Unterstützung der Kyjiwer Gespräche haben die NGO „Chysto Berdjansk“ („Sauberes Berdjansk“) in Partnerschaft mit dem Anti-Cafe „Chas je“ („Die Zeit ist da“) nicht nur die Ausstellung eröffnet, sondern ein weiteres Kunstprojekt realisiert. In nur sieben Tagen hat Gamlet acht unterschiedliche Objekte auf zerstörte oder verlassene Gebäude und Wände auf eher unattraktiven Straßen im Zentrum von Berdjansk gemalt.

Warum ausgerechnet Gamlet? Kyrylo Pelivanov, einer der OrganisatorInnen des Projekts, erklärt: „Gamlet Zinkivskyis Werke sind wie eine Brücke zwischen der modernen intellektuellen Kultur und der sehr einfachen Kunst, die jede/r verstehen kann. Wir wollten damit zeigen, dass die Räume der Stadt neu gedacht werden können und sich durch kleine Interventionen in kreativere und interessantere verwandeln können.“

"In den Beinen des Reisenden liegt Wahrheit". Das Projektteam mit einem der Kunstwerke

 

In Berdjansk scheint das geklappt zu haben. Die Einheimischen empfingen den Künstler mit viel Interesse und Zuneigung. Eine alte Frau brachte Gamlet Aprikosen vorbei, viele hielten an, um mit dem Künstler zu quatschen – das gehört zum Prozess dazu. Es habe aber keine einzige Konfliktsituation gegeben, berichtet Pelivanov. Dies sei für Gamlet keine Selbstverständlichkeit. Einige waren allerdings unzufrieden, dass der Künstler nur mit den Farben Schwarz und Weiß arbeitet. „Mal uns doch das blaue Meer,“ meinten sie.

 Generell glaubt Kyrylo Pelivanov, dass Berdjansk durchaus für mehr Kunst aller Art bereit wäre. Aber es fehle leider das Angebot. Deswegen bleibt das Projekt mit Gamlet Zinkivskyi zunächst ein besonderes Ereignis für die Stadt.

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