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Drohobych: Jung, offen, smart!

Von der kleinen Stadt im westlichen Teil der Region Lviv war bis vor kurzem sowohl in der Ukraine als auch im Ausland wenig bekannt. Für Manche war Drohobych in erster Linie die Stadt, in der Yuriy Drohobych, Ivan Franko und Bruno Schulz geboren wurden. Andere verbanden sie mit der Salzproduktion. Aber in letzter Zeit spricht man von der ehemaligen Salzstadt in einem völlig anderen Kontext. Über die Gegenwart und die Zukunft von Drohobych wird jetzt deutlich mehr diskutiert, als über seine Vergangenheit. Für eine kleine Stadt in der ukrainischen Provinz ist das nicht gerade typisch. Drohobych wird immer bekannter als die Stadt, die sich zum Ziel gesetzt hat, so offen und transparent wie möglich zu werden. Genau darüber wollten wir mit Vertretern der Stadtverwaltung und der Zivilgesellschaft von Drohobych sprechen.

Der etwas schläfrige und gemütliche Ort, wie er von Bruno Schulz beschrieben wird, sieht heute immer noch genauso gemütlich aus, aber von Verschlafenheit gibt es keine Spur mehr. Das erste, was ins Auge fällt, ist eine überraschend große Anzahl von jungen Menschen und Fahrrädern. Der Grund, weshalb die Stadt so jung erscheint, ist klar: zwar leben hier weniger als 100.000 Einwohner, aber die Stadt verfügt über mehrere eigene Hochschuleinrichtungen, einschließlich der Pädagogischen Universität und Zweige von Universitäten aus anderen Städten (14% der Bewohner von Drohobych sind Studenten). Darüber hinaus gibt es hier einige Fachhochschulen. Von den Fahrrädern und ihrer ungewöhnlich großen Popularität in der Stadt berichten wir noch später.

Natürlich bedeutet die Vielzahl von Hochschulen nicht, dass die Studenten, die in Drohobych ihren Abschluss machen, auch nach dem Studienabschluss dort leben und arbeiten werden. Wie alle kleinen und mittleren Städte der Ukraine sieht sich auch Drohobych mit der Tatsache konfrontiert, dass die Bevölkerung massenhaft in das Oblast-Zentrum, in die Hauptstadt und ins Ausland abwandert. In Drohobych ist man aber nicht bereit, diesem Problem achselzuckend zuzusehen. Wie in jedem anderen europäischen Land benötigen die Menschen in der Ukraine – und vor allem junge Menschen – reale Berufschancen, ein angenehmes Leben und die Möglichkeit die Entwicklung in der Stadt zu beeinflussen. Doch das Gefühl der Hilflosigkeit, der mangelhafte Glaube an positive Veränderungen, das ewige „totale Misstrauen gegenüber der Verwaltung“, und die Distanz der Bürger zu demokratischen Prozessen tragen zum Bevölkerungsrückgang bei. Im Stadtrat von Drohobych glaubt man aber fest daran, dass sich dies überwinden lässt, wenn die Stadt offen und „smart“ wird. Dies sei, so der Bürgermeister Taras Kuchma, das wichtigste strategische Ziel.

Wenn man den Begriff Smart City, also „intelligente Stadt“ hört, denkt man wahrscheinlich vor allem an Singapur, Seoul, Amsterdam oder Stockholm. Doch sowohl auf der Website des Drohobycher Stadtrates als auch auf der Seite der Kiewer Gespräche erscheinen diese Worte häufig. Das Konzept der intelligenten Stadt beinhaltet die Sammlung und Verarbeitung von Daten, die eine effiziente Verwaltung der kommunalen Dienstleistungen ermöglichen, also alles was das Leben der Bürger bestimmt: Transportsysteme, Strom, Wärme und Wasser, Recycling und Abfallverarbeitung, Informationssysteme, Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser usw. Die Smart-City-Technologie gewährleistet ein hohes Maß an wirksamer Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und den Menschen, mit dem Ziel die Infrastruktur der Stadt zu weiterzuentwickeln und ein bequemes Leben der Bürger sicherzustellen. Drohobych ist kein Seoul, aber es bewegt sich stetig in Richtung smart! Vorerst kann Drohobych nicht nur auf die Webcams in der Stadt und öffentliche Wi-Fi-Bereiche stolz sein – diese überraschen niemanden mehr – viel wichtiger ist, dass die Stadt eines der besten Beispiele für die Einführung elektronischer Dienste und offene Daten in Osteuropa ist.

Webseite der Stadtverwaltung von Drohobych

Die Einführung des Smart-City-Konzepts führt zu einer deutlichen Reduktion der Korruption, dafür aber zu einer Verbesserung der Haushaltseinnahmen, der Beteiligung  der Bürger am Monitoring ihrer Stadt, sowie ihres direkten Einflusses auf die Stadtentwicklung. Die Bewohner von Drohobych werden aktiv dazu aufgefordert, die Plattform „Open City“ zu verwenden, um alle kleinen und großen kommunalen Probleme zu melden. Der Zugang zur Plattform ist direkt von der Website des Stadtrates zugänglich, die zur meistbesuchten Informationsquelle der Stadt geworden ist. Auf der Stadratseite kann man sich über das Portal iGov auch für einen Termin mit dem Bürgermeister, Beamten oder Abgeordneten des Stadtrates anmelden und eine Reihe von Verwaltungsdienstleistungen erhalten. Stanislav Haider, der Leiter der Abteilung für IT und Analyse im Drohobycher Stadtrat berichtet, dass im Moment mehr als 100 Dienstleistungen online verfügbar sind. Wenn auf diese Weise eine Vielzahl öffentlicher Dienstleistungen aus der Abhängigkeit von Beamten gelöst wird, mindert dies laut Stanislav das Korruptionsrisiko. Zurzeit werden die elektronischen Verwaltungsdienste nur von etwa 10% der Bewohner Drohobychs genutzt. Wie Stanislav hofft, wird diese Zahl Ende 2018 auf 20% steigen. Und genau zu diesem Zweck werden derzeit zahlreiche Schulungsmaßnahmen durchgeführt.

Zur Verringerung der Toleranz gegenüber Korruption trägt auch die Online-Veröffentlichung sämtlicher Unterlagen bei. Laut dem Bürgermeister gefällt das Prinzip der offenen Daten nicht allen, und es besteht durchaus Widerstand gegen die Umsetzung der Transparenzprinzipien. Aber mit dem Beitritt Drohobychs zur International Open Data Charter in September 2017 hängt dieser Prozess nicht mehr allein vom politischen Willen ab, da die Einhaltung dieser Strategie durch die Stadt rechtsverbindlich festgelegt wurde.

Oleh Dukas

Dass die Erfahrung von Drohobych erfolgreich ist, wird durch die Bereitschaft anderer Städte bewiesen, die hiesigen Erfolge zu übernehmen. Laut Oleh Dukas, einem der Gründer der NGO „Ukrainischer Jugenddurchbruch“ und Berater des Bürgermeisters in humanitären Angelegenheiten, sind immer die Städte erfolgreich, in denen die Bürger am meisten an der Verwaltung beteiligt werden. Hauptbestandteil des Erfolgs ist die Offenheit der Verwaltung und als Folge das wachsende Vertrauen der Bevölkerung. Dass in anderen Städten entweder unter dem Druck der Menschen oder sogar auf Initiative der Stadtverwaltung  die Entscheidung getroffen wird, dem Beispiel von Drohobych in dieser Hinsicht zu folgen, stimmt noch optimistischer. In der ersten Hälfte des Jahres 2018 übernehmen Brody, Volodymyr-Volynskyi, Lutsk und Kalush aktiv die Erfahrungen der Einführung von Smart City. Auch die Vertreter der lokalen Stadtverwaltungen und Gemeinden aus dem Zentrum und dem Osten der Ukraine kommen im Rahmen der Stadtentwicklungsworkshops nach Drohobych.

Natürlich können die Maßnahmen der Stadtverwaltung, deren Ziel Transparenz, Korruptionsbekämpfung und die Anziehung von Investitionen sind, nicht einen sofortigen Wandel bewirken und alle Probleme der Bürger auf einmal lösen. „Wir verstehen, wie wichtig die Offenheit lokaler Behörden und die Beteiligung der Gemeinden an der Stadtverwaltung ist. Aber in einem kurzen Zeitraum von zweieinhalb Jahren ist es unrealistisch, Veränderungen zu erreichen, die alle in der Stadt sofort spüren können", sagt Oleh Dukas. Die Perspektiven und Probleme von Drohobych betrachtet Oleh durchaus realistisch und stellt fest, dass ein großes Problem die Ausreise der jungen Menschen ist, die sich in der Stadt nicht verwirklichen können. Im Moment gibt es in der Stadt fast keine Industrie – von 18 Fabriken, die früher Arbeitsplätze boten, funktioniert keine mehr. Die Zukunft sieht Oleh in der Entwicklung der kreativen Industrien und des kulturellen Potentials von Drohobych. Dafür sind alle Voraussetzungen vorhanden. Nach Drohobych, das über eine große Anzahl von historischen Stätten, sowie gemütliche Straßen, Festivals, Museen und andere Attraktionen verfügt, kommen regelmäßig Touristen, auch aus anderen Ländern.

Oleh betont auch die Notwendigkeit, die zahlreichen Studenten von Drohobych zu gesellschaftlichem Engagement zu motivieren: „Jetzt versuchen wir, die Studierenden dazu zu bringen, sich am Leben der Stadt zu beteiligen. Zuvor waren sie von den Prozessen in der Stadt abgeschnitten. Eines der Projekte des partizipativen Haushalts betrifft die Gestaltung des Universitätsgeländes, daher sind die Studenten jetzt an der Stadtentwicklung selbst interessiert und verbreiten diese Erfahrung in ihrem Milieu“. Wenn Oleh von Projektarbeit spricht, betont er die positive Entwicklung in diesem Bereich, sowohl im Stadtinstitut, als auch seitens der Zivilgesellschaft. Eine der aktivsten NGOs in Drohobych ist „Velo Drohobych“, die im August 2016 gegründet wurde. Die Gründer von „Velo Drohobych“ (am Tag der Anmeldung 17. August 2016 gab es schon 10 Mitbegründer) beschreiben ihre Organisation als eine Vereinigung von Menschen, denen Fahrräder und Stadtentwicklung nicht egal sind. In den ersten anderthalb Jahren seines Bestehens veranstaltete „Velo Drohobych“ ca. 20 Rad-Events: Radtouren, Seminare, Radrennen, Verkehrsregeln-Workshops für Schüler und andere. Am 20. Mai fand der große Fahrrad-Tag statt, an dem über 300 Drohobycher beteiligt waren. Obwohl das schon ziemlich viel für eine so kleine Stadt ist, sagt eine der Mitbegründerinnen von „Velo Drohobych“, Marina Shkvyria, dass sie und ihre Mitstreiter gerne 1000 Teilnehmer am Fahrrad-Tag sehen möchten.

Wir wollten nicht nur vom Bürgermeister von Drohobych, sondern auch von den Bürgern etwas über das Zusammenwirken der lokalen Verwaltung mit der Zivilgesellschaft erfahren. Marina spricht von der Stadtverwaltung als Partner, da der Stadtrat die Aktivitäten der NGO fördert (organisatorisch, nicht finanziell) und beim Gestalten von Veranstaltungen unterstützt. Es besteht auch eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Abteilung für Jugend und Sport. Vater Ihor Tsmokanych, Mitglied von „Velo Drohobych“, stellt fest, dass allgemein seitens der Behörden eine Offenheit besteht, die Einstellung der Bevölkerung jedoch oft von Misstrauen geprägt ist. Dies ist laut Vater Ihor ein landesweites Problem, und Drohobych ist hier in der Tat keine Ausnahme, sondern, so Vater Ihor, „die ganze Ukraine im Kleinen“. „Wir lernen, wir suchen nach Wegen. Dies ist die Richtung, in der wir weiter arbeiten müssen. Die Stadtverwaltung ist offen für einen Dialog und es gibt Voraussetzungen für die Zusammenarbeit", sagt Vater Ihor.

Das Beispiel dieser kleinen Stadt in der Region Lviv, die allmählich in der ganzen Ukraine und auch im Ausland bekannt wird, beweist, dass Gleichgültigkeit der Bevölkerung und korrumpierte Verwaltung nicht etwas Angeborenes und Inhärentes für die ukrainische Gesellschaft sind, sondern dass dieser Zustand überwunden werden kann und muss. Der Weg zum Verständnis und zur effektiven Zusammenarbeit für die Entwicklung der eigenen Stadt ist nicht einfach. Aber wenn die „Ukraine im Kleinen“ offen und transparent für ihre Bürger und Bürgerinnen werden kann, dann bedeutet dies natürlich auch, dass die ganze Ukraine diese Chance hat.

 

Text: Daria Malling
Foto: Daria Malling

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