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Frontstadt ohne Wasser

Durch den andauernden Krieg im Donbas hat auch die Wasserversorgung ein kritisches Niveau erreicht. Die ständigen Feuergefechte wirken sich verheerend auf die Infrastruktur aus, teilweise sind Menschen wochenlang von der Wasserversorgung abgeschnitten. Die Region ist ohnehin wasserarm, daher gibt es keine einfachen Lösungen zur Frage der Trinkwasserversorgung. Nun macht man sich in Mariupol intensiv Gedanken, wie man das Problem in den Griff bekommen kann.       

 

Spektakuläre, aber sinnlose Projekte

Die massive Industrialisierung der Sowjetunion Mitte des 20. Jahrhunderts und das Vorhandensein billiger Arbeitskräfte und Energieressourcen ermöglichten die Umsetzung ihrem Umfang und Kosten nach einmaliger Projekte. Dazu gehörte unter anderem der Bau des Seversky-Donets-Donbas-Kanals mit einer Länge von 130 km, und der Süddonbas-Wasserleitung (ca. 65 km), die Mariupol, Vuhledar, Volnovakha, Avdiivka, Yasynuvata, sowie zum Teil auch Donezk und anliegende Ortschaften mit Wasser versorgt. Insgesamt ist der Wasserspiegel durch diese Projekt um 200 Meter gestiegen.

All diese Maßnahmen sahen eine kräftige Entwicklung der Region in den Bereichen Metallurgie, Bergbau, sowie in der Demographie vor, die aber nicht stattfand. Schon vor dem Krieg, also vor 2014, erhielten viele Donbas-Bergarbeiterstädte Wasser nur rationiert nach einem Zeitplan, manchmal blieb die Wasserversorgung tagelang aus.

Die Zweckmäßigkeit der großen sowjetischen Wasserversorgungsprojekte wird derzeit stark angezweifelt. Die Industrieobjekte sind heute nicht vollständig ausgelastet oder wurden geschlossen, die Bevölkerungszahl geht zurück, eine Wasserverbrauchsmessung wird eingeführt, die Verbraucher werden somit immer sparsamer. Damit wird der Wasserverbrauch wesentlich geringer.

Großunternehmen, verbrauchen viel Wasser und sind sehr energieintensiv, die Wasserverluste steigen wegen der hohen Abnutzung der Netze, und wegen der Lage im Bereich der Kampfhandlungen erhöht sich ihre Verletzbarkeit. Das Monopol auf die Netze wirkt sich oft negativ auf die Lebensqualität der Großstädte in der Oblast Donetsk, darunter Mariupol, aus.

 

Abhängigkeit vor der staatlichen Wasserleitung

In den vier letzten Jahren wurde Mariupol mit vielen Herausforderungen konfrontiert, zu denen unter anderem die Besetzung von Verwaltungsgebäuden durch prorussische Milizen, die Stadtverteidigung und die Beschießung des östlichen Stadtviertels am 24. Januar 2015 gehörten, bei der 31 Personen ums Leben kamen. Heute liegt Mariupol 20 km von der Front entfernt, es hängt wesentlich von den Industriegiganten „Illich-Hüttenwerk“ und „Azovstahl“ ab, die dem größten Oligarchen der Ukraine, Rinat Akhmetov, gehören. Der Betrieb dieser Unternehmen verschlechtert die Umweltsituation. 

Eine weitere Herausforderung ist die Wasserversorgung. Mariupol ist auf die Wasserleitung „Seversky-Donets-Donbas“ angewiesen, die dem Kommunalunternehmen „Wasser für Donbas“ (VD) gehört. Letzteres ist der Militär- und Zivilverwaltung der Oblast Donetsk untergeordnet. Die Geschichte von VD begann 1930 auf der Welle der Industrialisierung der Region mit der Erhöhung des Wasserbedarfs für Unternehmen und Bevölkerung. Die Gesamtlänge des Wasserversorgungssystems, das durch dieses Unternehmen kontrolliert wird, beträgt über 11.000 km. Vor dem Kriegsbeginn im Osten des Landes zählte VD mehr als 11.000 Mitarbeiter und belieferte über 300 Städte und Gemeinden.

Derzeit liegt die Infrastruktur zum Teil in den besetzten Gebieten und wird ständig beschossen. In Mariupol ist dies bereits passiert. Am 30. Januar 2017 wurde durch den Beschuss der prorussischen Milizen eine Wasserfilterstation beschädigt. Mariupol und weitere Städte der Region waren eine Zeit lang von der Wasserversorgung abgeschnitten. Eine ähnliche Situation ereignete sich auch im Winter 2016. Und im Sommer 2015 tranken die Mariupol-Einwohner so gut wie den ganzen Reservewasserspeicher „Starokrymske“ „aus“, als „Wasser für Donbass“ Reparaturarbeiten durchführte.

Reservewasserspeicher „Starokrymske“, Sommer 2015

 

Der Reservewasserspeicher reicht bei vielen Niederschlägen für 3-4 Monate aus. In heißen Sommern halbiert sich dieser Wert. Zudem ist die Wasserqualität des Wasserspeichers „Starokrymske“ katastrophal. Die Wasserhärte beträgt 19 bis 24 Einheiten, wobei die Norm bei sieben Einheiten liegt. Die Nutzung dieses Wassers im Haushalt ist gesundheitsschädlich. Unter hartem Wasser leiden Haut, Haare, Herz- und Gefäßsystem, die Magenmotorik reduziert sich, das Risiko von Arthritis, Polyarthritis und Nierensteinen steigt. Dazu kommen Probleme mit den Haushaltsgeräten durch Belagsbildung, was wiederum dazu führt, dass mehr umweltschädliche Reinigungsmittel benutzt werden.

Darüber hinaus musste „Wasser für Donbass“ den Preis seiner Dienstleistungen wegen der Strompreissteigerung erhöhen. Entsprechend hob die Firma Vodokanal („Wasserleitung“) in Mariupol, die Wasser bei VD kauft, auch die Preise an. Die letzte Steigerung um mehr als 30% wurde Ende Sommer 2017 angekündigt. Die Mariupol-Einwohner zahlen 18 bis 20 UAH pro Kubikmeter Wasser. Zum Vergleich: In Zaporizhia sind es etwas mehr als 12 UAH, in Dnipro 12,3 UAH pro Kubikmeter.

 

Ausweg in Sicht?

Europäische Erfahrungen sprechen für die Einhaltung von mindestens drei Bedingungen bei der Wasserversorgung:

  • Sehr wichtig ist die Diversifizierung der Trinkwasserquellen. Abhängigkeit einer großen Bevölkerungszahl von einer Quelle wird als zu gefährlich eingestuft;
  • Die Wasserentnahmestelle soll möglichst nah bei der Gemeinde liegen, für welche das Wasser geliefert wird;
  • Jede Wasserversorgungs-Infrastruktur soll von derjenigen Gemeinde kontrolliert werden, die durch diese Infrastruktur beliefert wird.  

Es gibt mehrere Vorschläge, die Situation in Mariupol zu lösen:

  • Vollendung des Kanal Dnipro-Donbas, mit dessen Bau 1969 begonnen wurde, weil der Fluss Seversky-Donets die Region mit Wasser nicht versorgen konnte. Bis jetzt wurde nur ein Teil des Kanals gebaut; das Projekt wurde 1997 wegen Finanzmangels eingestellt.
  • Entsalzung des Wassers des Asowschen Meers, wie es der Bürgermeister von Mariupol bereits mehrfach vorgeschlagen hat. Im Marz 2016 wurden Kostenschätzung und Umsetzungstermin veröffentlicht: 50 Mio. US-Dollar und 18 Monate. Aktuell (Stand: November 2017) gibt es keine Pläne für einen Baustart.
  • Wiederherstellung der Trinkwasserquellen im Stadtzentrum für den Notfall.
  • Reinigung des Wassers aus den Wasserspeichern „Starokrymske“ und „Pawlowske“ nach dem Verfahren der Umkehrosmose, wobei Wasser durch Reinigungsmembranen durchfließt.
  • Eine weitere Variante sieht die Reinigung des Wassers aus den Flüssen Kalchik und Kalmius vor, die direkt durch die Stadt fließen. Diese wurde durch den Sekretär des Stadtrates Mariupol vorgeschlagen. Die Variante wirkt wegen ihres niedrigen Preises etwas fragwürdig. Fraglich ist, ob das Wasser aus diesen Flüssen für eine Stadt mit einer halben Million Einwohnern ausreichen kann.
  • Mit Hilfe eines Kanals könnten die Wasserspeicher Starokrymske und Pawlowske verbunden werden. Diese Lösung ist aber unvollständig, denn dadurch wird die wichtigste Frage nicht gelöst: Das Risiko, im Falle einer Beschädigung der Infrastruktur ohne Wasser dazustehen, bleibt bestehen. Immerhin würde dadurch die Wasserqualität verbessert.      

Eines der wichtigsten Hindernisse bei der Umsetzung von fast allen großangelegten Projekten ist die fehlende Finanzierung. Der Oblast- und der lokale Haushalt sehen solch eine Finanzierung nicht vor, und internationale Geber sind in der Regel nicht bereit, Kredite für unrentable Kommunalunternehmen zu gewähren.

Am 23. November wurde auf der durch die „Kiewer Gespräche“, „Wasser für Donbass“ und „Vodokanal“ organisierten Veranstaltung „Wie ist das Problem der Wasserversorgung in Mariupol zu lösen“ die Situation um die Zukunftspläne etwas klarer. Die mehrmals verkündete Idee des Stadtbürgermeisters Mariupol, und zwar der Bau einer Entsalzungsanlage am Asowschen Meer, wurde einheitlich abgelehnt. Dafür gab es zwei Gründe:

Das Fehlen des Investors. Es ist nicht klar, wer bereit wäre, Dutzende Millionen Euro in den Bau eines Großindustrieobjekts, das 20 km von der Front entfernt liegt, zu investieren. Zudem liegt am Asowschen Meer, genau in der Mitte von Mariupol, der Wasserverschmutzer Nr. 1 der Ukraine, das Hüttenwerk „Azovstahl“. Das Unternehmen wurde 1933 gebaut. Seit damals wird Wasser aus den Flüssen für die Produktion genutzt und dann in die Flüsse und ins Meer „zurückgegeben“.        

Serhiy Panchenko, ein Vertreter des Unternehmens „Wasser für Donbass“ in Mariupol, stellte Pläne zur Verbesserung der Wasserversorgung in der Region in Höhe von fast einer Milliarde UAH vor. Mariupol kommt in diesen Plänen eine zentrale Stellung zu. Es wird vorgeschlagen, die Wasserspeicher „Starokrymske“ und „Pawlowske“ mit einem 19-km-langen Kanal zu verbinden. Dies würde 400 Mio. UAH kosten.

Jedoch ist das nicht die beste Variante für Mariupol, weil das Monopol von „Wasser für Mariupol“ erhalten bleibt. Zudem lautet die Frage: Woher die 400 Mio. UAH bekommen?

Eine mögliche Antwort wäre die Übernahme der Infrastruktur, die Wasser in die Stadt liefert. Dies wurde durch den Direktor von „Vodokanal“ Mariupol, Hennady Isyumov, vorgeschlagen. Er stellte einen Masterplan zur Lösung der Wasserversorgung in Mariupol und der ganzen Oblast Donezk vor, an dem im „Wasserinstitut“ gearbeitet wird. Darüber hinaus versprach er, im Dezember dieses Vorhaben detailliert zu präsentieren.

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