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Hier werden Vorurteile über den Donbas abgebaut

Vuhledar ist eine für den Donbas typische Bergarbeiterstadt, die 57 km entfernt von Donetsk liegt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 lebt die Stadt von ihren zwei Kohlegruben, die heute „Pivdennodonbaska Nr. 1“ („Donbas-Süd Nr. 1“) und „Pivdennodonbaska Nr. 3“ heißen.

Während seiner kurzen Geschichte war Vuhledar erst ein Dorf, später ein Stadtteil von Donetsk, dann eine Bezirkshauptstadt. Nun hat die Stadt den höchste administrativen „Rang“ in ihrer Geschichte erreicht: Stadt von regionaler Bedeutung.

Die Ortskundigen wissen zu berichten, dass Vuhledar eigentlich schon immer ein typischer Wohnvorort von Donetsk war. Früher brauchte man ja nur 40 Minuten, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln Donetsk zu erreichen. Doch der Krieg veränderte alles.

Im Frühling 2014, als in der Ostukraine die als „Volksrepubliken“ getarnten Militäroperationen begannen, blieb es in Vuhledar eher ruhig. Die wesentlichen Schauplätze des Konfliktes waren Sloviansk und Donetsk. Die Einwohner von Vuhledar erzählen, wie die Besetzung öffentlicher Gebäude damals ablief: „ein Mensch mit Maschinengewehr stand neben dem städtischen Kulturpalast, in dem das sogenannte „Referendum“ veranstaltet wurde. Sofort nach der „Volksabstimmung“ verschwanden die prorussischen Separatisten wieder, und die ortsansässigen Kriminellen, die dem Aggressor halfen, wurden später vom ukrainischen Geheimdienst festgenommen. Der aktivste Separatist, Petro Hilyov, floh auf die besetzte Krim“.

Der damalige Bürgermeister von Vuhledar, Alim Shyrynsky, machte sich bereits nach der Flucht von Viktor Yanukovych im Februar 2014 nach Russland auf. Wie gesetzlich vorgesehen, übernahm daraufhin der Stadtratvorsteher bis zu vorgezogenen Neuwahlen im Oktober 2014 sein Amt. In diesen Wahlen siegte dann der unabhängige Kandidat Mykola Kuzmenko, ein Bergarbeiter aus Vuhledar, der im Wahlkampf mit Themen wie Versorgungsdienstleistungen und Städtebau hatte punkten können.

Im Juni 2015 wurde in Vuhledar eine sogenannte militärisch-zivile Administration eingeführt. Sie wurde von Andriy Silych geleitet, der in den ordentlichen Bürgermeister-Wahlen im selben Jahr 41,6 % der Stimmen gewann und damit zum Bürgermeister wurde. Sein stärkster Konkurrent Volodymyr Ivanytskyi von der Partei „Oppositionsblock“ bekam 30,6 % Stimmen.

Dieses Ergebnis ist vor allem deshalb ungewöhnlich, da besonders in kleineren Städten die „eigenen“, vor Ort gut bekannten Kandidaten gewöhnlich die Wahlen gewinnen. Denn in Vuhledar, wie in anderen, von einem einzigen Wirtschaftszweig geprägten Städten, dominieren bei Wahlen oft die Geschäftsführer, Manager oder Eigentümer lokaler Unternehmen oder die mit ihnen verbundenen Personen. Die Einwohner von Vuhledar brachen aber mit diesem Klischee und wählten einen absolut neuen Kandidaten für die Stadt.

In der Sowjetzeit genossen die Bergwerksdirektoren einen großen Respekt in der Bevölkerung. Heute aber wechseln die Direktoren schnell und schaffen es daher nicht, sich politische Macht in der Stadt anzueignen.

Insgesamt ist die Situation aber von Bergwerk zu Bergwerk unterschiedlich. „Pivdennodonbaska Nr. 3“ gehört zum staatlichen Unternehmen „Kohlenenergiekonzern Donezk“, und hier wechseln die Chefs besonders oft. Das Bergwerk „Pivdennodonbaska Nr. 1“ hingegen hat eine „eigene Gruppe“ im Stadtrat: sie wird gebildet aus sechs Abgeordneten der Fraktion „Unsere Heimat“.

Ein Beispiel vom politischen Engagement zeigten die Bürger der Stadt Vuhledar im Frühling 2017, als sie gegen die orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats demonstrierten. Es ging um die Errichtung einer Kirche des Moskauer Patriarchats im Zentrum der Stadt. Zurzeit läuft ein Gerichtsprozess mit dem Ziel, den Stadtratsbeschluss über die Zuweisung des Grundstückes an das Moskauer Patriarchat aufzuheben. 

In Vuhledar haben sich Wohnungseigentümergemeinschaften auch ungewöhnlich dynamisch entwickelt: In 99 % des Stadtgebiets wurden bereits Eigentümergemeinschaften registriert, in 86 von 87 Mehrfamilienhäusern. Bereits Anfang der 2000er Jahre fingen die Bürger an, sich selbständig zu organisieren.

Als vor kurzem Masliana (vergleichbar mit Fasching) in der Stadt gefeiert wurde, organisierten diese Veranstaltung die Ortsansässigen mit Unterstützung des Stadtrates zusammen mit einem angrenzenden Dorf. Das Dorf hat außerdem vor, sich mit Vuhledar in einer neuen vereinigten Gemeinde zusammenzuschließen.

Das erste, was in Vuhledar auffällt, sind die Schilder verschiedener Läden, deren große Mehrheit auf Ukrainisch geschrieben ist. Das ist dem Oblast-Wettbewerb zur Ukrainisierung zu verdanken, an dem die Stadt teilgenommen und dabei 10 Mio. Hryvnia gewonnen hat.

Ein gutes Beispiel für systematische Stadtentwicklung ist die Gründung der „Entwicklungsagentur Vuhledar“. Das Team der Agentur kam auf dem Höhepunkt der proukrainischen Bewegung in der Stadt im Jahre 2014 zusammen und versuchte einen Platz im Gemeinderat zu erlangen. Einer der Aktivisten, Oleh Savin, wurde nach dem Wahlsieg von Andriy Silych zum Vize-Bürgermeister ernannt. Auf Initiative von Oleh Savin nahmen die Mitarbeiter des Stadtrates und engagierte Bürger in der Folge am Projekt „Schule der Bürgermeister“ teil. Dort erarbeiteten sie eine Entwicklungsstrategie der Stadt. Mit diesem Entwurf erreichte Vuhledar mit seinen ca. 15.000 Einwohnern den zweiten Platz, gleich nach der Halbmillionenstadt Mariupol.

Als nächstes sollte diese Strategie umgesetzt werden. Dafür wurde das Agenturteam aufgebaut und danach auch formell die Institution „Entwicklungsagentur Vuhledar“ gegründet, die die Stadtstrategie realisieren soll. Die Agentur ist eigens so organisiert, dass sie keine Finanzen aus dem kommunalen Haushalt beanspruchen, sondern Geld in die Stadt bringen soll, “ – sagt der Leiter der Agentur Fedir Sorokin.

Die Entwicklungsagentur Vuhledar hat vier Gesellschafter: Den Stadtrat von Vuhledar, das „College der Akademie für Verwaltung Donetsk“ (eine lokale Hochschule), die Agentur „Spilni zussillia“ („Gemeinsame Bemühungen“), die die „Schule der Bürgermeister“ durchführt, und die „Agentur für Wirtschaftsförderung“ aus der Stadt Dnipro, die methodische und organisatorische Hilfe bietet.

Die „Entwicklungsagentur Vuhledar“ und die Stadtverwaltung müssen sich dabei bewusst machen, dass die Kohlengruben nicht für lange Zeit da sind. Die Entwicklungsstrategie sieht daher die Stadt Vuhledar als künftiges Vorbild des erfolgreichen Wandels Kohlemonopol zu einer modernen Stadt mit vielfältiger Wirtschaft.

Eine anderer wichtiger Wirtschaftsfaktor ist die landwirtschaftliche Produktion und Verarbeitung sowie deren Transport. Diese Branche muss bereits in den Grenzen der neuen vereinigten Gemeinde geplant werden. Denn nach dem Zusammenschluss von mehreren Gemeinden soll die Bevölkerungszahl von 15.000 auf fast 40.000 steigen.

Vuhledar ist eine Stadt regionaler Bedeutung. Während der Fusion sollen sich die Gemeinden aus den Bezirken Maryinskyi und Volnovakhskyi der Stadt anschließen. Dafür muss man die Grenzen der Rayons (Bezirke)  verändern, was nur von der Verkhovna Rada beschlossen in Kyiv beschlossen werden kann. Zudem liegen einige von diesen Gemeinden in der militärischen Pufferzone, und deswegen ist es unmöglich, dort Wahlen durchzuführen.

Zurzeit wartet Vuhledar nun auf die Verabschiedung des veränderten Gesetzes „Über den freiwilligen Zusammenschluss territorialer Gemeinden“ Nr. 6466, durch das sich Dörfer an Städte von regionaler Bedeutung anschließen dürfen.

Text: Vladyslav Zaitsev
Kyiv Dialogue Koordinator in Mariupol

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