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Mittendrin: Melitopol

Die ostukrainische Stadt Melitopol im Gebiet Zaporizhia befindet sich quasi zwischen den Fronten. 200km nordöstlich verläuft die Trennlinie zu den von Separatisten kontrollierten Gebieten im Donbass. 120km südlich liegt die von Russland annektierte Krim. Dennoch wird hier viel für die Stadtentwicklung getan. Das betrifft nicht nur die Sanierung von Straßen und die Restaurierung von Parkanlagen.

Vor drei Jahren wurde ein Bürgerhaushalt ins Leben gerufen. Bereits seit 2008 nimmt Melitopol am Projekt „Interkulturelle Stadt“ des Europarats teil. Als erste Stadt im postsowjetischen Raum erklärte Melitopol 2016 die Förderung lebenslangen Lernens zu einem zentralen Ziel und ist Mitglied im globalen Netzwerk lernender Städte der UNESCO.

Grundlagen für die Stadtentwicklung heute sind ein 2012 verabschiedeter Strategieplan und der Plan für interkulturelle Integration 2015-2020. Das Selbstverständnis als multikulturelle Stadt, wirtschaftliche Diversifizierung und die Mehrfunktionalität des Stadtraums sind wichtige Eckpfeiler und Voraussetzungen für zukünftiges Wirtschaftswachstum. Als eine der ersten Städte in der Ukraine hat Melitopol den Stadtentwicklungsplan 2020 verabschiedet. Der  Stadtentwicklungsplan 2030 ist im Entstehen. Zudem hat Melitopol ein Marketingkonzept.   

Wichtigster lokaler Partner für die KIEWER GESPRÄCHE ist die NGO Zentrum für gemeinnützige Initiativen in Taurien (ZeGrInTAVRIA). Die Bezeichnung Taurien ist abgeleitet vom antiken Namen für die Krim und wurde zwischen 1783 und 1921 vom Russländischen Reich als administrativer Titel für ein Gouvernement genutzt, das sowohl die Krim als auch Gebiete auf dem Festland einschließlich der Stadt Melitopol umfasste. Während der Name  im 18. und 19. Jahrhundert ausschließlich im administrativen Rahmen genutzt wurde, wird er heute in Anspielung auf eine antike Tradition wiederbelebt. Schwerpunkt von ZeGrInTAVRIA sind Projekte im Bereich politische Bildung, die sich mit Fragen bürgerlichen Empowerments und kommunaler Selbstverwaltung befassen, aber auch in der Jugendarbeit angesiedelt sind.

Die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern ermöglicht Einsichten in die politische Situation vor Ort und hilft den konkreten Bedarf der verschiedenen Zielgruppen zu identifizieren. In Fortbildungen und Seminaren machen wir Amts- und Entscheidungsträger mit Best-Practice-Beispielen kommunaler Selbstverwaltung in der Ukraine und anderen Ländern vertraut und stärken ihre professionellen Kompetenzen. Gemeinsam mit Gemeindevertretern und Bürgerschaft wurden Anfang des Jahres drei zentrale Aufgabenfelder vereinbart:

Bürgernahe Kommunalpolitik

Im Stadtrat von Melitopol sitzen 42 Abgeordnete, die folgende Parteien vertreten: Oppositionsblock, Block von Petro Poroschenko „Solidarität“, Selbsthilfe, Unser Landstrich und die Partei der Afghanistanveteranen.

Leider haben Abgeordnete häufig keine klare Vorstellung, worin ihre Aufgaben im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung bestehen. Vor diesem Hintergrund haben die  KIEWER GESPRÄCHE mit lokalen Partnern das Seminar „Kommunale Selbstverwaltung.  Der effektive Abgeordnete“ durchgeführt. Eingeladen waren sowohl Abgeordnete und ihre Mitarbeiter als auch interessierte Bürger. Oleksandr Solontay, Leiter des Programms Praktische Politik am Institut für Politische Bildung, referierte über Rechte und Pflichten von Abgeordneten. Darüber hinaus diskutierte er mit den Teilnehmern darüber, was Abgeordnete verdienen (sollten), was erfolgreiche und effiziente Abgeordnetentätigkeit ausmacht und wie man ineffektive Abgeordnete „abschafft“.

 

Jugendarbeit

Ein beträchtlicher Teil der 155.000 Einwohner von Melitopol sind junge Menschen. Daher wird viel Wert auf Jugendarbeit, die Beteiligung der Jugend an kommunalen Entscheidungsfindungsprozessen und ein Verständnis für die Prinzipien kommunaler Selbstverwaltung gelegt. 

Bis Ende des Jahres sollen ein Jugendparlament sowie eine Arbeitsgruppe mit verschiedenen Vertretern der städtischen Jugend gegründet und Formen der Einbindung in kommunale Entscheidungsprozesse entwickelt werden. Zu diesem Zweck fanden ein Seminar zur „Jugendbeteiligung in der Gemeinde“, vier „Schulen des jungen Politikers“, zwanzig Workshops für Jugendliche und zwei Strategiesitzungen zur Gründung eines Jugendparlaments statt. Es wurde ein Konzept zur Jugendbeteiligung in der Gemeinde entwickelt und eine Arbeitsgruppe aus engagierten Jugendlichen setzt sich mit Zielsetzungen, Rollenverständnis und Regelwerk des Jugendparlaments auseinander. Aus einer Initiative von Jugendlichen ist der Klub SUPERJUGEND entstanden, der jeden Sonntag zusammenkommt und jugendliches Engagement in der Stadt fördern möchte.   

 

 

Wirtschaftliche Entwicklung

Wie viele andere Städte in der Ukraine auch verzeichnet Melitopol eine starke Abwanderung von Fachkräften. Insbesondere junge Menschen verlassen die Stadt. Deshalb hat die wirtschaftliche Entwicklung sowohl für die Stadtoberen als für die Bürger oberste Priorität. In erster Linie betrifft dies den Agrarsektor, der durch die Bildung eines landwirtschaftlichen Clusters gestärkt werden soll. Darüber hinaus ist geplant, kleine und mittelständige Unternehmen zu unterstützen, um die Schattenwirtschaft einzudämmen und durch Steuereinnahmen die Stadtkasse zu füllen.

Hierzu fand eine Strategiesitzung statt, die von Pavel Sheremeta moderiert wurde. Sheremeta war 2014 Minister für Wirtschaftliche Entwicklung und Handel, von 1999 bis 2008 Erster Dekan an der Business School der renommierten Kiewer Mohyla-Akademie, von 2006 bis 2010 Vizepräsident der Central and East European Management Development Association (CEEMAN) und 2012 bis 2014 Direktor der Kiewer Schule für Wirtschaft. Zudem ist er Mitbegründer der Strategiewerkstatt  proryv.in.ua. An der Sitzung nahmen Stadtplaner, Verwaltungsdirektoren, Vertreter kommunaler Unternehmen, Unternehmer, Manager und Vertreter verschiedener NGOs teil. Es wurden Entwicklungspotenziale abgeschätzt, die einzelnen Branchen bewertet und ein Plan für die weitere Entwicklung Melitopols erarbeitet. Die Teilnehmer diskutierten  über aktuelle Tendenzen in der Stadtentwicklung, über die Blue-Ocean-Strategie und Prioritäten bei der Stadtentwicklung. Schließlich wurden die ersten fünf strategischen Projekte festgelegt. Dies war zugleich Vorbereitung für den Stadtentwicklungsplan 2030.

Jede Stadt im Netzwerk der KIEWER GESPRÄCHE ist einzigartig und verdient, ungeachtet der nicht ausbleibenden Rückschläge, Anerkennung für ihre kleinen Siege und Errungenschaften. Melitopol, das manch Bewohner auch liebevoll Hauptstadt der Kirschbäume nennt, ist ein Beispiel dafür.

Text: Iryna Slavova, Victoria Ivanova, Tetiana Lopashchuk

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