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RÄUME FÜR DAS GLÜCK, TRÄUME FÜR SHCHASTIA

Es ist Hochsommer, die Urlaubssaison ist in vollem Gange, und wir machen unsere Leser weiter mit den diesjährigen Gewinnern des Kleinprojekte-Wettbewerbs der KIEWER GESPRÄCHE bekannt. Diesmal führt uns unsere Reise nach Shchastia, einem kleinen Städtchen an der Frontlinie in der Region Luhansk, wo der Wohltätigkeitsfonds „Vostok-SOS“ (Ost-SOS) zusammen mit der NGO „Kulturna Fortecia“ (Kulturfestung) und dem lokalen Kulturpalast den mobilen Open-Air-Platz „Tviy Prostir“ (Dein Raum) für öffentliche Veranstaltungen eingerichtet haben.

Shchastia

Heute ist die Stadt ruhig und gemütlich, saubere Straßen mit vielen Blumen fallen uns auf. Und nur „verwundete Häuser“ und Straßenschilder mit dem Hinweis, dass Luhansk nur 16 km von hier entfernt ist, erinnern daran, dass hier noch vor kurzem gekämpft wurde. Am Stadtrand von Shchastia befindet sich der letzte von der Ukraine kontrollierte Kontrollpunkt, hinter ihm liegt ein Streifen verminter Felder. Der letzte schwere Beschuss des Ortes fand im Herbst 2016 statt, die Stadt erholte sich danach, lebte auf. Die Einheimischen erzählen jedoch, dass sie auch heute noch mit fernen Schüssen in der Nacht leben müssen.

Bis 2014 lebten in der Stadt fast 13000 Menschen. Die am Fluss Siverskyj Donets gelegene Stadt Shchastia wurde jeden Sommer zu einem Kurort mit über 50000 Gästen. Jetzt sind hier nur etwa 8500 Einwohner geblieben, die Hälfte von ihnen sind ältere Menschen. Schulen und Kindergärten sind wieder geöffnet, die jungen Menschen schauen jedoch nach Westen und wandern überwiegend aus. Früher war Shchastia beinahe ein Stadtteil von Luhansk, wo man sich immer zu vielerlei Kunstveranstaltungen traf. Jetzt ist es sehr schwer, das kulturelle Leben auf dem früheren Niveau zu halten, trotzdem aber sehr wichtig, denn die Stadt lebt von Veranstaltung zu Veranstaltung in der Hoffnung auf Veränderungen.

Ein wichtiger Schritt war für Shchastia und die ganze Region die Vereinigung von 25 Nachbarorten zu einer sogenannten „vereinten Territorialgemeinde“, einer von der derzeit in der Ukraine laufenden Dezentralisierungsreform geförderten Einheit. Bis jetzt sind die Vorteile der Dezentralisierung noch nicht praktisch zu spüren, denn wegen der Nähe der Frontlinie ist es noch zu gefährlich, Wahlen in der neugegründeten Gemeinde durchzuführen. Die letzten Wahlen fanden hier 2010 statt, von 34 damals gewählten Stadträten sind nur 18 in der Stadt geblieben. Die Stadt wird von einem vertretenden Bürgermeister regiert, weil der gewählte Bürgermeister noch 2014 seine Vollmachten niedergelegt hat und nach Russland ausgewandert ist.

Aber das Leben geht weiter, und die Stadt lebt auf, vor allem dank ihren Einwohnern, die die Inspiration nicht verloren haben und mit neuen Kräften alles tun, damit die Stadt lebt und noch attraktiver wird. Ein überzeugender Beweis dafür war das langersehnte Ereignis im Juli – die Eröffnung des Springbrunnens. Die Stifter des neuen Erholungsbereiches „Springbrunnen“ in einer kleinen Grünanlage sind aktive lokale Unternehmer geworden.

Dein Raum

Die Idee des Projektes entstand schrittweise, – erzählt die Koordinatorin des Projektes Julia Kishenko, die Bildungsprojekte im Fonds „Vostok-SOS“ betreut, – Diese Idee lag irgendwie immer in der Luft, aber wir konnten sie erst formulieren, als wir die Ausschreibung für Kleinprojekte der KIEWER GESPRÄCHE gesehen haben. Wir kommunizierten ständig mit aktiven Einwohnern von Shchastia und sprachen darüber, dass es in der Stadt kein Kulturleben mehr gibt. Nach dem Ausbruch des Krieges war die Straße zur nächsten Großstadt Luhansk abgeschnitten, und in Shchastia wurden keine interessanten Veranstaltungen organisiert. Wir hörten nicht nur Beschwerden über Probleme, sondern erfuhren auch vom Wunsch der Bürger, etwas für ihre Stadt zu tun.

Zusammen wollten wir die Stadt beleben. Wir planten das Funktionieren des einen Open-Air-Platz mit Kinovorführungen, einer Straßenuniversität, einer lebenden Bibliothek und mehr. Denn Ähnliches gibt es in vielen Städten und wirkt sich sehr positiv auf die Gemeinde aus. Damit kann man den Mangel an Kulturereignissen in der Stadt beseitigen, junge Menschen aktivieren, sie an Organisation und Durchführung der Veranstaltungen beteiligen. Darüber hinaus kann man durch kulturelle Veranstaltungen gesellschaftlich wichtige Fragen thematisieren und diskutieren.

Gesagt – getan! Ein Antrag wurde gestellt in der Hoffnung auf ein schönes Ergebnis, das dann zu einer guten Nachricht wurde. Der Projektvertrag wurde unterschrieben und man machte sich an die Umsetzung des Geplanten. Alles für den Platz Nötige wurde eingekauft und nach Shchastia geschickt. Dann wurden zusammen mit der NGO „Kulturfestung“ und dem Kulturpalast erste Veranstaltungen, nämlich Filmvorführungen, organisiert.

Zuerst inspizierten die Menschen den neuen Platz genauer, kamen vorsichtig näher und bewunderten hübsche tragwerklose bunte Sitze. Wir machten uns Sorgen, dass es den Menschen schwer fallen wird, nach vielen Jahren des Krieges und der Frontliniennähe wieder am kulturellen Leben teilzunehmen, dass sie nicht mehr gewohnt sind, solche Veranstaltungen zu besuchen. Aber dann wurde die Situation besser, immer mehr Menschen erfuhren von den wöchentlichen Veranstaltungen. Den Jugendlichen gefielen die Filme, Atmosphäre und schöne Gestaltung. Manche blieben nach den Filmvorführungen da, halfen aufzuräumen, riefen nachher an und fragten, für wann die nächste Veranstaltung geplant ist, um sie nicht zu verpassen. Es kam zu einer guten Zusammenarbeit mit dem städtischen Berufslyzeum, dank dessen eine aktive Veranstaltung zum Thema Umweltschutz für Kinder und Jugendliche zustande kam.

Wir träumen davon, dass dank so eines zugänglichen Raums in der Stadt auch die Menschen offener und handlungsfähiger werden. Wir tun unser Bestes dafür, dass jeder frei kommen und die Möglichkeit nutzen kann, etwas Eigenes auf diesem Platz zu unternehmen. Damit NGOs, Stadtverwaltung, die Leitung des Kulturpalastes, Lehrer und Jugendliche zusammenarbeiten, damit das kulturelle Leben der frontnahen Stadt mit dem Märchennamen Shchastia (auf Ukrainisch – „Glück“, Anmerkung der Übersetzerin) aktiver und intensiver wird, – beendet ihre Erzählung Julia.

Der Weg zum Traum. Chronik der europäischen Einheit“

Im Juli hatte auch das Team der KIEWER GESPRÄCHE die wunderbare Gelegenheit, Shchastia zu besuchen und einer der Veranstaltungen auf dem berühmten Open-Air-Platz beizuwohnen. An jenem Tag war beim Projekt „Dein Raum“ Dr. Imke Hansen, Historikerin aus Hamburg, zu Gast und trat als Trainerin der Straßenuniversität zum Thema „Graphik-Novel“ auf.

Zu einem besonderen Ereignis für die Bürger wurde auch der Besuch des deutschen Generalkonsuls Wolfgang Mössinger, der sich zusammen mit den Einwohner der Stadt den Film „Der Weg zum Traum. Chronik der europäischen Einheit“ anschaute.

Kulturveranstaltungen finden in der Stadt nicht besonders oft statt, deshalb kamen Einwohner aller Altersgruppen zusammen, um sich den Open-Air-Film anzuschauen. Während Kinder nach dem Film in der Nähe des Erholungsbereiches spielten, beteiligten sich Jugendliche und ältere Menschen aktiv an der Diskussion des Films mit dem Generalkonsul.

Herr Mössinger beantwortete die Fragen, die die geopolitische Dimension der Ukraine betrafen, und gemeinsam suchte man nach Parallelen zwischen den Geschehnissen im Film und der Gegenwart der Ukraine. Man überlegte, auf welchem Weg man sich dem Frieden am besten annähern kann. Viele Fragen betrafen die langjährige deutsche Teilung und die Wiedervereinigung Deutschlands sowie die Lehren, die in diesem Zusammenhang für die Ukraine nützlich sein könnten.

Unser Weg nach Shchastia ging an den endlosen Sonnenblumenfeldern der Luhansker Region vorbei, und unser Team war von der Schönheit und Sorglosigkeit der Landschaften bezaubert. Wir fuhren zurück mit dem herzlichsten Wunsch, dass all diese Hoffnungen der Einwohner und all die Träume der Initiatoren des Projektes „Dein Raum“ in Erfüllung gehen. Denn Shchastia verdient glücklich zu sein!

Wir bedanken uns bei den Einwohnern von Shchastia für ihre Gastfreundlichkeit und beim „Vostok-SOS“-Team für ihre wunderbare Idee und die inspirierte Umsetzung des Projektes!

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