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Schöpfer positiver Emotionen: Wie in Berdiansk und Chervonohrad kreativ gearbeitet wird

In der Ukraine mangelt es nicht an negativen und traumatischen Erscheinungen. Dazu zählen der Krieg, interne politische Probleme, die Erhöhung der Lebenskosten. Die Menschen brauchen daher dringend positive und kreative Erlebnisse, schöne Emotionen.

Diese gibt es. Denn man findet hier engagierte Aktivisten und Enthusiasten, die solche positiven Projekten umsetzen wollen und können. Unter anderem in Zusammenarbeit mit den „Kiewer Gesprächen“.

Die „Schnecke“, die in einem Anticafé zur Welt kam

Die Eisenbahnverbindung zwischen der Hauptstadt Kiew und der Stadt Berdiansk im Südosten Asowschen Meer ist jedes Jahr ungefähr bis Mitte September in Betrieb: Nach dem Ende des Kurbetriebs endet auch der Zugverkehr.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wird in Berdiansk das Animationsfestival „Rawlyk“ (Schnecke) durchgeführt.

„Wir befürchten, dass im nächsten Jahr der Zugverkehr mit der Hauptstadt noch vor dem Festival gestoppt wird, sagt dessen Programmdirektorin Alla Melnytschuk. – Dann werden unsere Gäste aus Kiew in Zaporizhia umsteigen müssen, und die Fahrt mit dem Bus ist nicht so angenehm. Unter unseren Gästen gibt es ja auch viele ältere Menschen, und auch die Musiktechnik muss transportiert werden“.

Vor zwei Jahren noch machte sich Alla keine Gedanken über die Zuganbindung, es gab ja keine „Schnecke“. Nun träumt Alla davon, dass die Bahnverbindungzwischen Kyiv und Berdiansk das ganze Jahr in Betrieb bleibt. Damit die Menschen nicht nur zur Erholung ans Meer kommen, sondern auch zu solchen Events wie dem Animationsfestival.

Früher war das nur ein Traum. „Ein Kindertraum einiger Mitglieder unseres Teams, einen eigenen Trickfilm zu kreieren“, - präzisiert Alla.

Zunächst waren es nur Animationswerkstätten für Jugendliche, nun dauert das Festival drei Tage lang, es umfasst drei Dutzend Aktivitäten und Hunderte Teilnehmer. Innerhalb von einigen Jahren machte die „Schnecke“ eine wahnsinnige Karriere. Alla Melnytschuk arbeitet auch als Programmdirektorin des Anticafés „Zeit YEH“. Dort werden neue Ideen und Projekte kreiert. Dort entstand auch die „Schnecke“.

Alla kann lange von ihrem Projekt erzählen.

„Das ist kein ganz klassisches Festival. Bei uns gibt es keine Sieger, die ausgezeichnet werden. Das Ziel unseres Festivals ist es, dass die Teilnehmer einen eigenen Trickfilm machen, und das ist schon ihr Sieg, - betont sie. – Die erste Werkstatt war für Jugendliche gedacht, zur zweiten Werkstatt kamen ehemalige Teilnehmer der Kriegshandlungen im Osten der Ukraine, zur dritten brachten Jugendliche der ersten Werkstatt ihre Eltern mit. Wir sahen, dass nicht nur junge Menschen, sondern auch Erwachsene sich mittels eines Trickfilms ausdrücken möchten, dass es wichtig und interessant für sie ist. An ihrer Stelle spricht ein aus Knete gemachter oder ein gemalter Held.

Das Trickfilmstudio „Kabatschok“ (Zucchini) aus Bakhmut zeichnete einen Trickfilm auf, die Autoren kamen, um ihn zu zeigen und etwas dazu zu lernen.

Das Studio „Toon Fox“ aus Kharkiv hatte interessante Erfahrungen der Arbeit mit behinderten Kindern gesammelt, nun konnten sie vermittelt werden.

Der Ukrainische Helsinki-Verband half den örtlichen Schülern, einen Trickfilm über die Menschenrechte am Beispiel ihrer Altersgenossen aus der Oblast Donetsk aufzunehmen. Deren Schulen wurden zerstört, was einem Menschrechtsverstoß gleichkommt.

Das sind nur einige Geschichten des letzten „Schnecke“-Festivals.

Dank der Förderung der Kiewer Gespräche und anderer Geber ist der Eintritt zu den Festival-Aktivitäten frei. Alla meint, in der Zukunft wäre es gut, Eintrittskarten zu einem symbolischen Preis einzuführen. „Das wäre für uns eine Art Umfrage. Wir könnten verstehen, inwieweit die Menschen so etwas brauchen“, - meint Alla.

Nach Einschätzung der Veranstalter nahmen am letzten Festival ca. 300 Personen teil. Rein optisch sieht es also so aus, dass man so etwas durchaus braucht.

 

Händels „Messias“ für eine Bergarbeiterstadt

Die Bergarbeiterstadt Chervonohrad in der Oblast Lviv liegt 1.300 km westlich vom Kurort Berdiansk. Am anderen Ende der Ukraine.

„Der Raum ist klein, höchstens für 100 Personen. Aber alle Gäste von uns wunderten sich, dass der Saal immer voll ist. Und das in einer kleinen Bergarbeiterstadt“, - berichtet Svitlana Bordun über das von ihr organisierte Festival. Es heißt „Musik im Potocki-Palast“.

Svitlana ist Leiterin der Stiftung für Entwicklung von Chervonohrad. Sie verfügt über eine Musik- und Theaterausbildung, lebte lange Zeit in Kyiv, vor fünf Jahren musste sie aber umständehalber in ihre Heimatstadt zurückkehren.

„Ich kam nach Chervonohrad und wurde mit dem Problem konfrontiert, dass … niemand mich bauchte, - erinnert sich Svitlana. – Ich war einfach überqualifiziert, hatte zu viele Kompetenzen. Kyiv hat mich verwöhnt, ich war gewohnt, dass man mit Kenntnissen und Fertigkeiten die Beschäftigung selbst wählen konnte. In einer Kleinstadt sieht es aber anders aus. So musste ich einen Arbeitsplatz für mich selbst einfallen lassen“.

Der hiesige Potocki-Palast hat eine wunderschöne Akustik. Switlana lud ihre Bekannten aus Kyiv zu Konzerten ein, erforschte den Markt der Musik-Ensembles in Lviv.

„Die Formate, die mir gefielen,  brachte ich dann nach  Chervonohrad. Ich wählte nur aus,  was mir gefiel“, - erinnert sich  Svitlana an die lustigen Erfahrungen.

Sie hatte aber einen Traum, und zwar  dass in ihrer Heimatstadt ein  Symphonieorchester im ausverkauften  Palast spielt. Dies geschah  im Januar 2017, als Svitlana ein  Weihnachtscamp für Kinder, das  „Music Camp Chervonohrad“  organisierte. Dafür wurden  Wirtschaft, Stadtleitung und  Nichtregierungsorganisationen mit  einbezogen.

Die Aktion ist schon dann  beeindruckend, wenn man nur davon  hört.

Sechs Tage lang. 160 Jugendliche aus  Chervonohrad und benachbarten  Städtchen und Dörfern. Innerhalb  von fünf Tagen eigneten sich die  Kinder Spielgrundlagen von zwei  Musikinstrumenten ein. Sie lernten  das Repertoire eines einstündigen  Konzerts in mehreren Sprachen und sangen dann in Begleitung des professionellen Symphonieorchesters „Leopolis“ aus Lviv. Der Saal des Volkshauses Chervonohrad war überfüllt. Unter anderem erklang auch das Oratorium „Messias“ von Händel in ukrainischer Sprache.

„Ich will Chervonohrad zu einer Stadt entwickeln, die für mich angenehm ist, - sagt Svitlana Bordun. – Ich versuche alles, was mich interessiert, was ich gut und schön finde, in die Stadt zu bringen, damit es da ist“.

Derzeit realisiert sie mithilfe eine Zuwendung der Kiewer Gespräche das Projekt „Christynopil - Chervonohrad: Historischer Code der Stadt“. Hierbei geht es um kulturelles und historisches Erbe. „15 Gedenkstätten und historische Sehenswürdigkeiten werden mit QR-Code-Tafeln versehen, damit alle Menschen leicht und schnell Informationen darüber bekommen können.

„Zunächst organisierten wir Fokusgruppen, damit die Einwohner von Chervonohrad selbst bestimmen konnten, welche Orte für sie als historisches und kulturelles Erbe in Frage kommen. Mit diesem Projekt wollen wir zeigen, dass die Stadt wirklich historische Vergangenheit hat und dass sie nicht so klein ist, d.h. dass sie sich nicht nur aus dem Potocki- Palast besteht. Anhand dieser QRCodes werden wir Stadtführungen durchführen“, - sagt Svitlana.

„Bürger von Chervonohrad!“ – so sprach sie das Publikum während der Konzerte im Potocki- Palast an. Diese Anrede ging auch in andere Projekte über.

Damit allen Menschen bewusst ist, dass sie auch Schöpfer des künstlerischen Raums ihrer Stadt sind.

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