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Was junge Ukrainer wollen – und wie sie es bekommen

Laut einer im Oktober veröffentlichten Umfrage der Firma „Rating“ wollen 54% der jungen Menschen im Alter 18 bis 35 Jahre die Ukraine verlassen. Das ist ein alarmierendes Signal für Staat und Gesellschaft.

So eine Einstellung unter jungen Menschen spricht dafür, dass eine ordentliche Jugendpolitik und die Aufmerksamkeit für die Probleme und Bedürfnisse von jungen Menschen heute eine der dringendsten Fragen ist. Von deren Lösung hängt bedeutendermaßen die Zukunft der Ukraine ab.

Ukrainische Aktivisten, die auf diesem Gebiet tätig sind, nahmen an der letzten Jahreskonferenz der Kiewer Gespräche teil.

 

Dorfdisco aus einem Notizblock für Träume

„Ich habe einen Traum: Abgeordnete und dann Bürgermeisterin werden. Ich sehe mich in der Politik, ich habe auch ein Programm“, - sagt die 22- jährige Jaroslava Bilous aus der Oblast Mykolaiv.

Sie studiert am Polytechnischen Institut Pervomaisk der Nationalen Universität für Schiffbau. Ihr Fach ist Wärmeenergiewirtschaft, zur Zeit schreibt sie ihre Diplomarbeit.

Daneben engagiert sie sich seit neun Monaten aktiv im gesellschaftlichen Bereich. „Ich arbeite für die Jugend, mit der Jugend und wegen der Jugend“, beschreibt sie ihren Arbeitsbereich.

In Pervomaisk wohnen ca. 60.000 Personen. Vor etwa einem Jahr kam Jaroslava mit Gleichgesinnten in die Stadtverwaltung, sie wollten um Geld für einen Jugendclub bitten. Für ihre gute Idee wurden die jungen Menschen gelobt, die Finanzierung wurde aber abgelehnt. Stellen Sie mal einen Antrag, vielleicht klappt es mit der Zeit, wurde ihnen empfohlen.

Doch mittlerweile steht die Einweihung des Jugendzentrums kurz bevor. Doch nicht mit Unterstützung der Stadtverwaltung, sondern dank des Engagements von Jaroslava und ihrer Freunde.

„Wir haben von den Kiewer Gesprächen eine Mini-Zuwendung von 1.000 Euro bekommen, - berichtet sie. – Dafür konnten wir einen Raum anmieten, der nun renoviert wird.

Wir haben viele junge Menschen eingebunden. Das Zentrum bezeichneten wir als einen Jugendraum, der modische Begriff „Coworking“ wird sich bei uns nicht durchsetzen. Viele Maßnahmen wurden bereits geplant. Es werden Schulungen für junge Menschen organisiert, interessante Referenten eingeladen. Ich habe Bekannte, die bereit sind, sogar kostenlos zu kommen“.

Darüber hinaus organisiert Jaroslava für Schüler und Studenten praktische Trainings „Führungspersönlichkeiten von morgen“. Die Popularisierung von Pioniergeist hält sie für sehr wichtig.

Wen stellt Jaroslava ihren Zuhörern als Beispiel hin? Vielleicht einen landesweit berühmten Nachwuchspolitiker? Die Antwort ist etwas überraschend: Ihr Beispiel ist der jüngste Dorfbürgermeister der Ukraine.

„Es ist besser, ein großer Fisch im kleinen Aquarium, als kleiner Fisch im großen Ozean zu sein“, - überzeugt Jaroslava ihre Landsleute, die Stadt nicht zu verlassen, sondern sich gemeinsam für die Zukunft der Stadt und für die eigene Zukunft einzusetzen.

Zudem hat Jaroslava einen Notizblock, in den sie ihre Träume, Wünsche und Pläne aufschreibt. Ein Plan ging in Erfüllung in den Tagen, als Jaroslava auf der Konferenz in Kiew weilte.

„Ich hab schon lange davon geträumt, eine schöne und kreative Disco für die Jugend in einem Dorf zu veranstalten. Diese begann gerade am 27. Oktober um 20.00 Uhr, ich habe alles per Handy kontrolliert. Es wurde mir berichtet: die Luftballons hängen, die Musiker machen den Soundcheck…

Ein guter Leiter ist der Leiter, der die Arbeit organisiert, auch wenn er nicht da ist“.

 

Möglichkeiten vs. Migration: Wie stoppt man die Jugendauswanderung?

„Das Problem der Jugend in Pervomaisk ist, dass sie selbst nicht weiß, was sie will, - fasst Jaroslava Bilous ihre strategischen Schwierigkeiten zusammen. – Das ist das Schlimmste. Ein Problem kann gelöst werden, wenn es identifiziert ist“.

Oleh Dukas aus Drohobych, Oblast Lviv, weiß Bescheid, was die Jugend aus seiner Stadt will. Er leitet die NGO „Ukrainischer Jugenddurchbruch“ und ist auch Berater des Bürgermeisters.

„Zentrales Problem solcher Kleinstädte wie Drohobych ist, dass junge Menschen nicht wissen, wie sie sich verwirklichen können. Früher war Drohobych ein Industriezentrum mit vielen Betrieben, und davon ausgehend wurde die Stadtentwicklunstrategie ausgearbeitet. Nun ist kein Großunternehmen mehr in Betrieb. Drohobych soll sich etwas Neues einfallen lassen“.

Obwohl die Stadt über viele Bildungseinrichtungen verfügt, wandert die Jugend zum Studium massenhaft aus, vor allem in das benachbarte Polen. Natürlich kommen nach Drohobytsch auch junge Menschen von außerhalb zum Studium, aber ein negativer Saldo bleibt erhalten. Oleh ist der Meinung, dass nicht einmal die Errichtung von Großunternehmen das Problem der Selbstrealisierung der Jugend lösen kann.

„Wenn ein Unternehmen aufgebaut würde, könnte die Situation mit Arbeitsplätzen in der Stadt zum Teil verbessert werden, - meint er. – Aber kreative und initiativreiche junge Menschen werden kaum dort arbeiten. Solche Menschen sind in anderen Bereichen tätig, in denen sie sich realisieren und ihr Talent ausschöpfen können“.

Derzeit zählen dazu solche Bereiche in der Stadt wie Kultur, IT-Bereich, Tourismus, Restaurantgewerbe.

Natürlich soll man sich dafür anstrengen. „Man soll diesen Prozess anlaufen lassen, damit er wie ein Uhrwerk funktioniert, - sagt Oleh. – Heute haben wir nur die ersten Ansätze, zum Beispiel das Studententheater, das Informationszentrum für Touristen oder eine Reihe von neuen interessanten Cafés“.

Gewiss soll die Stadt gleichzeitig komfortabel und angenehm für Einwohner verschiedenen Alters, Jugend inklusive, sein. Heute konzentriert sich der „Ukrainische Jugenddurchbruch“ bedeutendermaßen auf die Entwicklung des städtischen Raums. Darauf richtet sich auch das Projekt der Kiewer Gespräche „Einbindung der Öffentlichkeit in die Entwicklung von drei Parks in Drohobych“.

„Wir haben in unserer Arbeit eine gewisse Reihenfolge entwickelt: zunächst eine strategische Session, Entwicklung von „rohen“ Ideen, dann die Arbeit auf dem Gelände der Parks. Letztendlich wurde ein Konzept ausgearbeitet, - berichtet Oleh. – In nächster Zeit werden wir ein Projekt zum Anlegen von drei Parks unter Architekten und Landschaftsgestaltern ausschreiben. Als Grundlage der Ausschreibungsanforderungen dienen eben unsere Erkenntnisse“.

Vielleicht werden die drei Parks von Drohobych zu einer attraktiven Besonderheit der Stadt wie Kaffee mit Salz, auch eine Spezialität von Drohobych, die in der Ukraine noch nicht sehr bekannt ist.

„Die Sache ist die, dass hier bereits seit 800 Jahren das einzige Unternehmen europaweit betrieben wird, in dem Salz mit Verdampfungsverfahren hergestellt wird. Derzeit gehört das Unternehmen dem Staat, soll aber privatisiert werden. Die Bevölkerung plädiert aber dafür, dass dieses Unternehmen der Stadt übergeben wird. Dann könnte es zu einer der zentralen Sehenswürdigkeiten von Drohobych werden.

Das ist aber schon eine andere Geschichte.

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