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Winnyzja, die lebenswerteste Stadt der Ukraine

Die berühmte Winnyzja-Tram kommt ursprünglich aus Zürich. Foto: Zorina Gadzhuk

Straßenbahnen, viel Grün und Gemächlichkeit: Warum Winnyzja zum siebten Mal in Folge zur „lebenswertesten Stadt der Ukraine“ gekürt wurde

Im Jahr 2021 sind die Kyjiwer Gespräche in fünf Regionen der Ukraine aktiv: Poltawa, Ternopil, Wolyn, Saporischschja und Winnyzja. Im Rahmen unserer Reportagen-Serie "Was die Region bewegt" berichten wir von interessanten Entwicklungen vor Ort. 

Zum siebten Mal in Folge steht Winnyzja auf dem ersten Platz des Rankings des International Republican Institute zur Lebensqualität in ukrainischen Städten. Die folgende Reportage beschreibt, was dieses regionale Zentrum mit 367.703 Einwohner*innen zur lebenswertesten Stadt der Ukraine macht.

Von Bohdan Budai, Winnyzja

Einem Menschen, der neu nach Winnyzja kommt, fällt sie mit als Erstes ins Auge – die Straßenbahn. Eigentlich ist sie die Zürcher Straßenbahn, aber dazu später mehr. Der öffentliche Nahverkehr in der Stadt hat zwar insgesamt noch keinen europäischen Standard erreicht, aber zumindest wird dieses Ziel angestrebt. Die Straßenbahn war der erste Mosaikstein dieses „europäischen Ansatzes”. Die Reform des städtischen öffentlichen Nahverkehrssystems begann 2012, während der Regierungszeit des damaligen Ministerpräsidenten Wolodymyr Hrojsman. In Winnyzja wurde das Straßenbahnnetz durch zusätzliche Schienen erweitert und das Depot mit neuen Triebwagen und Waggons aus der schweizerischen Stadt Zürich aufgefüllt. Die sogenannten „Mirage“-Straßenbahnen, die vor nunmehr zehn Jahren aus Zürich nach Winnyzja kamen, sind heute eines der Aushängeschilder der Stadt.

Mit der Modernisierung der Straßenbahn wurde damals eine Reihe urbaner Probleme auf einen Schlag gelöst: Erstens wurde ein öffentliches Nahverkehrssystem eingeführt, zweitens der Fahrzeugbestand erneuert und drittens ein für ukrainische Verhältnisse einzigartiger, verlässlicher Taktfahrplan im Stadtverkehr geschaffen. Die Schweizer Straßenbahnen funktionieren quasi so genau und zuverlässig wie Schweizer Uhren, obwohl die meisten von ihnen bald stolze 50 Jahre auf dem Buckel haben. Bedauerlicherweise ist eine solche Stabilität der Verkehrsverbindungen in anderen ukrainischen Städten eher eine Seltenheit. Die damalige Entscheidung hatte außerdem zur Folge, dass die Stadt einen Weg aus der Abhängigkeit von privaten Verkehrsanbietern fand. Schon bald wurden die Straßenbahnen und Trolleybusse bei den Fahrgästen beliebter als die im Stadtgebiet weiterhin verkehrenden Minibusse. Dennoch, so Serhiy Morhunov, der amtierende Bürgermeister von Winnyzja, sei dies noch lange nicht das Ende der Fahnenstange für die Stadt. Schon heute stehe fest, dass im kommenden Jahr weitere 35 Züge aus Zürich eintreffen, die den städtischen Fuhrpark weiter verjüngen werden – diesmal vom moderneren Typ „Tram-2000”.

Morhunov, der seit 2014 gewähltes Oberhaupt der Stadt ist, setzte den von seinem Vorgänger begonnenen Modernisierungskurs fort. In seine Amtszeit fällt der wiederholte erste Platz Winnyzjas als Oblast-Zentrum im Ranking der lebenswertesten Städte der Ukraine, dass das International Republican Institute (IRI) erhebt.

Der amtierende Bürgermeister von Winnyzja Serhiy Morhunov. Foto: Zorina Gadzhuk

Wie uns der Bürgermeister im Gespräch verrät, verdankt sich Winnyzjas Erfolg vor allem zwei Komponenten: erstens einem strategischen Ansatz und zweitens der Unterstützung durch die Bevölkerung. Tatsächlich: Betrachtet man, wie sich die Stadt 2005/2006 präsentierte und was die Bürger*innen damals von ihrer Stadt hielten, so ergeben sich deutliche Unterschiede zu den ersten IRI-Rankings von 2015.

„Wir alle wollen doch in einer lebenswerten, modernen, europäischen Stadt leben. Und diese auch lieben”, so das Stadtoberhaupt. „Man kann natürlich hektisch herumrennen und nur auf immer neue Notfälle reagieren: Zuerst die Straßen erneuern, dann knirscht es vielleicht im Gesundheitssystem. Wir haben in den letzten beiden Jahren auch dort kräftig nachgelegt und gehören im medizinischen Bereich mittlerweile zu den besten Adressen in der Region. Aber das Allerwichtigste und meiner Meinung nach auch der Schlüssel zu unserem Erfolg ist, dass wir alle Bereiche im Blick haben, die das Leben in der Stadt ausmachen.“

Der Bürgermeister zeigt uns eine Grafik aus dem diesjährigen IRI-Ranking. Danach erreichte Winnyzja bei der Umfrage 3,6 von 5 möglichen Punkten. Es gibt also noch Luft nach oben – allerdings erzielten alle anderen Städte in der Ukraine niedrigere Werte.

Ein weiteres Charakteristikum der Stadtentwicklung ist Winnyzjas dezidierte Orientierung an Smart-City-Technologien. Das Online-Portal der Stadt wurde bereits 2013 freigeschaltet. Damit waren elektronische Dienstleistungen in Winnyzja zwei Jahre früher verfügbar als der landesweite Service iGov.ua. Kürzlich stellen die Entwickler*innen eine alternative, noch modernere Version des Portals vor.

Auf der Webseite findet man in verschiedenen Kategorien Dokumente, Anordnungen, Vorhaben und Beschlüsse der städtischen Instanzen. Die Bürger*innen von Winnyzja können in „gläsernen Büros“ oder am Dienstleistungsschalter der Stadt Termine buchen oder online Anträge ausfüllen. Auch die Rechnungen für die Energieversorgung des eigenen Haushalts lassen sich über die Webseite abrufen und bezahlen. Verwaltungsvorgänge erledigt man an seinem „persönlichen Schalter“.

Zudem hat die Stadt vor Kurzem die Möglichkeit einer bargeldlosen Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs geschaffen. Zum Jahreswechsel 2019/2020 begann die Testphase für bargeldlose Zahlungen und deren Kontrolle. Dazu wurden auf bestimmten Linien noch Schaffner*innen eingesetzt. Auch bei den Fahrer*innen konnten weiterhin Fahrscheine gelöst werden. Während der Coronapandemie wurde der Prozess beschleunigt. Heute funktioniert das gesamte System komplett bargeldlos – die Fahrgäste bezahlen per Karte oder App. Nur in den Minibussen kann jetzt noch bar bezahlt werden.

 

Ein Spaziergang im Zentrum von Winnyzja. Foto: Zorina Gadzhuk

Diese Umstellung ging selbstverständlich nicht ganz reibungslos vonstatten. Manchmal registrierte das System einen Fahrgast nicht in Echtzeit oder Beträge wurden erst später verbucht. Bürger*innen beschwerten sich, weil ihnen Fahrten berechnet wurden, obwohl sie gar nicht unterwegs gewesen waren. Zudem war das bargeldlose System für Besucher*innen von außerhalb der Stadt verwirrend. 

Die geografische Lage der Stadt

Ein Pluspunkt von Winnyzja ist die geografische Lage der Stadt. Die Region grenzt an sieben Oblaste sowie an die Republik Moldau. Ein Abschnitt grenzt an das abtrünnige Transnistrien. Die Region und insbesondere ihr Zentrum Winnyzja verstehen sich daher als Verkehrsknotenpunkt und touristisches Ziel. Um diesen Anspruch zu untermauern, ist ein Um- und Ausbau des Flughafens geplant. Dieser soll laut Bürgermeister Morhunov später nicht nur der Bevölkerung von Winnyzja und der Region zur Verfügung stehen. Sein Einzugsgebiet soll bis in die Nachbarregionen und nach Moldau reichen.

Über die sehr günstige geografische Lage, die die Lebensqualität in Winnyzja mit prägt, sprechen wir mit Oleksandra Venslavovska, der Vorsitzenden des „Kunstvereins PLAI“, einer Nichtregierungsorganisation.

„Wir liegen im Dreieck Odessa – Lwiw – Kyjiw, und das ist gewissermaßen ein Geschenk des Schicksals“, so die Künstlerin.

Oleksandra ist aus Moldau nach Winnyzja gezogen, nachdem sie jeweils einige Jahre in Lwiw und Kyjiw gelebt hat. Aufgrund ihrer Lebensgeschichte kann sie fundierte Vergleiche anstellen. Seit nunmehr zehn Jahren lebt die junge Frau in Winnyzja, davon sieben Jahre als Künstlerin. Lange Zeit managte sie die Lokalband „Otscheredjannyj kit“ (auf Deutsch „Schilfkatze“). Heute organisiert sie Festivals und Kunstprojekte, die der Stadt kulturell neuen Atem eingehaucht haben. Dazu gehören das in der Ukraine, aber auch international bekannte „GogolFest“ und die lokalen Festivals „Ticket to the Sun“ und „Air Fest Vinnytsia“. Letzteres klinkte sich in diesem Jahr aus dem Rahmen des „GogolFests“ aus und läuft fortan als eigenständiges Projekt weiter.

„Zuerst kam mir hier alles seltsam vor. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal daran gewöhnen würde und fähig wäre, wirklich hier zu leben. Nach Lwiw und Kyjiw kam mir die Stadt sehr klein vor. Nicht so ein Tempo wie dort, kein vergleichbarer Rhythmus, keine derartigen Möglichkeiten. Aber als ich mich später hier selbstständig gemacht habe, hat sich plötzlich alles ins Gegenteil verkehrt”, sagt Oleksandra.

Für die Künstlerin sind vor allem das viele Grün in Winnyzja und die Kompaktheit der Stadt Faktoren, die ihr persönlich ein Gefühl städtischer Lebensqualität vermitteln.

„Es gibt hier viele Parks, und Waldgebiete. Klar, die gibt es auch in Kyjiw. Aber hier ist alles erreichbar. Man kann einen Spaziergang dahin machen oder das Rad nehmen. Winnyzja ist aus meiner Sicht die Fahrradhauptstadt schlechthin. Diese Vorzüge haben wir uns bereits erarbeitet. Woran es hier hingegen noch krankt, ist die kulturelle Komponente. Ich spüre hier keine echte Dynamik. Aber das entwickelt sich langsam. Zeitgenössische Kunst ist da ein Weg, andere Perspektiven einzunehmen“, meint Oleksandra.

Oleksandra Venslavovska, Leiterin der NGO „Kunstverein PLAI”. Foto: Zorina Gadzhuk

Der Einfluss von Kultur und bürgerschaftlichem Engagement

Ein Ausbau des kulturellen Angebots wirkt sich deutlich auf die Lebensqualität einer Stadt aus. Bei lokalen bürgerschaftlichen Organisationen, die sich direkt um die Entwicklung von Winnyzja bemühen, zeichnet sich dabei ein interessanter Trend ab. Viele Aktivist*innen oder Fachleute aus dem Bereich der Stadtplanung, auf deren Konto erfolgreiche Projekte gehen, wurden schließlich von städtischen Institutionen angestellt – etwa von der Raumplanungsagentur oder vom Innovationszentrum. Andere begannen direkt bei der Stadtverwaltung zu arbeiten.

Der „Kunstverein PLAI” ist momentan so gut wie die einzige Organisation in der Stadt, die erfolgreiche Projektarbeit macht und sich dabei ihre Unabhängigkeit bewahrt hat.

„Ich kann gut verstehen, warum Stadtplaner*innen von der aktivistischen Schiene in die Anstellung bei der Stadt wechseln“, sagt Oleksandra Venslavovska. „Damit haben sie die Sicherheit, umsetzen zu können, was ihnen vorschwebt. Aber eben auch nur bis zu einem gewissen Grad. In Bezug auf uns hat das zu einer gewissen Sorge geführt, dass wir uns selbst in unserer Freiheit beschränken und nur noch Machbares anbieten. Das gilt für Projekte und Ideen und freie Aktivitäten im Allgemeinen.“

Die vom Kunstverein organisierten Festivals lenken nämlich stets auch Aufmerksamkeit auf problematische Elemente der städtischen Infrastruktur. Das „GogolFest“ etwa fand auf dem sanierungsbedürftigen Gelände der „Kristall“-Werke statt. Mittlerweile begann dort die Ansiedlung eines Innovations- und Technologieparks.

Das Festival „Ticket to the Sun“ nutzt ein verlassenes Kindersanatorium und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit auf diesen Ort und dessen mögliche Zukunft. Das „Air Fest Vinnytsia“ wird auf dem Gelände des ehemaligen Kinos „Rossija“, ausgerichtet – einem mehrere Hektar umfassenden Areal im Herzen der Stadt.

Generell tritt das bürgerschaftliche Engagement in Winnyzja nach Meinung von Oleksandra gerade in eine neue Entwicklungsstufe ein, obgleich die Bevölkerung im Allgemeinen noch immer ein wenig „träge und unbeweglich“ sei.

„Ich glaube, dass wir in Winnyzja gerade in eine neue Phase kommen. Die Community wird als Ganzes aktiver werden, wenn wir die erforderlichen Voraussetzungen dafür geschaffen haben. Aber dazu bedarf es einer Zusammenarbeit mit den Behörden und Autoritäten. Erfahrungen aus Europa lehren uns, dass sich horizontale kulturelle Verbindungen knüpfen lassen, wenn wir uns alle zusammen an einen Tisch setzen und auf Augenhöhe über unsere Probleme und Anliegen reden. Wir möchten den Status einer echten Institution erreichen, uns so weit entwickeln, dass wir mit gewichtigen Verhandlungspartnern reden können: mit der Regierung, mit Unternehmen. Das kann nur durch internationale Kooperationen und durch ein hartnäckiges Engagement gelingen. Wir werden uns genau darum bemühen und wir werden sehen, dass sich uns viele Menschen anschließen.“

Fahrrad fahren in Winnyzja. Foto: Bohdan Budai

Winnyzjas Fahrradwege

Eine der Besonderheiten von Winnyzja ist das Radwegenetz, das sich derzeit über 90 Kilometer im gesamten Stadtgebiet erstreckt.
„Die Infrastruktur für Fahrradfahrer*innen fällt einem sofort auf, da es die in anderen Städten gar nicht oder kaum gibt. Dabei werden jedes Jahr noch mehr Verbindungen geschaffen“, erzählt uns Kostjantyn Rodygin, ein Lehrer und Fotograf, der vor sieben Jahren aus Donezk nach Winnyzja kam. „Noch gibt es einige Ungereimtheiten, wie zum Beispiel bei Bürgersteigen, die nur durch eine Linie geteilt sind und bei denen unklar ist, wo sich die Radfahrer*innen und wo die Fußgänger*innen fortbewegen sollen. Dann macht jede*r, was er oder sie will und versperrt so anderen den Weg. Dort, wo die Spuren zentral angelegt wurden, läuft es aber gut. Damit ist Winnyzja klar im Vorteil etwa gegenüber Kyjiw. Auch in Donezk kann ich mich an so etwas nicht erinnern.“

Kostjantyn ist 2014 nach Winnyzja gezogen. Er kam hierher mit seiner gesamten Alma Mater, der Universität von Donezk, die sich aufgrund des Krieges in der Ostukraine nach einem sicheren Ort für die Fortsetzung ihrer Lehrtätigkeit umsehen musste. Damals, vor mittlerweile sieben Jahren, wurde Winnyzja zum Zufluchtsort für Tausende Dozent*innen und Student*innen, unter ihnen auch Kostjantyn. Auch ihm fällt die Lebensqualität in Winnyzja auf, erst recht im Vergleich zum industriell geprägten Donezk.

„Winnyzja ist kompakter. Das Leben hat auch einen anderen Rhythmus. Manche mögen das nicht, sie halten Winnyzja für träge und verschlafen, für eine Stadt, in der nichts los ist, wo man ‚vor Langeweile umkommt‘. Aber mir gefällt es hier. Im Vergleich zu Donezk kann man einen Gang zurückschalten. Im Vergleich zu Kyjiw natürlich noch mehr. Kyjiw und Donezk gleichen sich aus meiner Sicht, allerdings ist in Kyjiw alles ein paar Nummern größer. Alle Probleme, die es mit der Lebensqualität in Donezk gab, gibt es in Kyjiw in potenzierter Form. Eine riesige Stadt in einer zersiedelten Landschaft, ein wenig chaotisch, ein bisschen zerrissen. Das sind eben Städte, an denen das 20. Jahrhundert nicht spurlos vorübergegangen ist“, so schildert Kostjantyn seine Eindrücke.

An Winnyzja hebt er besonders die „menschliche Dimension“ hervor – sowohl in Bezug auf die innerstädtischen Entfernungen als auch auf die Architektur. Die Kompaktheit der Stadt ist für ihn fraglos ein Plus.

„Ein halbstündiger Fußmarsch bedeutet hier eine ziemliche Distanz. In Donezk ist das gar nichts. Die urbane Umgebung, die Architektur, die Höhe der Gebäude, wie alles gestaltet ist – das ist hier, wenn man so sagen kann, viel näher am Menschen, und das mag ich“, meint Kostjantyn.

Lehrer und Fotograf Kostjantyn Rodygin im Gespräch mit Bohdan Budai. Foto: Zorina Gadzhuk

Ein paar Wermutstropfen im Honigtopf Winnyzja

Bevor wir uns kurz auch den weniger glänzenden Seiten von Winnyzja zuwenden, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Stadt auch in anderen Rankings vordere Plätze belegt. Bei einer Umfrage unter IT-Spezialist*innen etwa erhielt die Stadt gute Noten für ihre Mobilität, die Sicherheit und die Qualität des städtischen Umfelds. So landete die unter den Top 3 des Rankings „Lebensqualität für Menschen in der IT-Branche“. 2020 führte Winnyzja auch das Transparenz-Ranking ukrainischer Städte an. Die Stadt hatte die höchste Investitionsattraktivität und landete auf dem zweiten Platz beim Forbes-Ranking der attraktivsten ukrainischen Städte aus unternehmerischer Sicht.

Viele Infrastrukturprojekte in Winnyzja werden übrigens von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt.

 

Wenn es jedoch um das Thema Lebensqualität geht, sollte Winnyzja auch nicht idealisiert werden. Es gibt noch immer Bezirke, in denen die infrastrukturellen Gegebenheiten schwierig sind, in denen es keine Straßenbahn und keine Trolleybusse gibt, in denen die einzige Verbindung in die Stadt Minibusse und städtische Buslinien sind.

Außerdem hatte die Stadt in den letzten Jahren häufig mit Verkehrsstaus zu kämpfen. Auf den Straßen sind derartig viele private Fahrzeuge unterwegs, dass die drei Brücken, über die die Hauptverkehrsadern der Stadt laufen, während der Stoßzeiten oft völlig blockiert sind. Jetzt bemüht man sich um eine Lösung des Problems, indem der Verkehr an mehreren Kreuzungen anders organisiert wird.

Ein weiteres Fragezeichen sind die exorbitant hohen Immobilienpreise in Winnyzja. Die Preise auf dem Häusermarkt ziehen mit denen in Lwiw gleich und reichen schon fast an Kyjiwer Niveau heran. Allerdings sind die Löhne und Gehälter in Winnyzja keineswegs ähnlich hoch wie in Kyjiw. 

Winnyzja ist heute eine Stadt in der Entwicklung. Straßen werden saniert, die Stadt wird modernisiert, neue Transportmittel werden eingeführt. Noch immer aber gibt es viele Aspekte des urbanen Lebens, die erst noch angegangen werden müssen. Ja, die Stadt hat einige kulturelle Projekte vorzuweisen, aber ihr fehlt beispielsweise ein Konzerthaus oder ein Kulturzentrum.

Im Herzen der Stadt gibt es zum Teil verlassene Immobilien und dazugehörige Infrastruktur, deren Zukunft noch immer unklar ist. Zudem nimmt die Stadt zunehmend die eingegliederten Dörfer mit in den Blick. Dort eröffnen Büros für Remote-Service-Administrator*innen, werden Kindergärten saniert oder neu eröffnet und Straßen befestigt. Doch von einer Integration ins Stadtleben ist man dort vielfach noch weit entfernt.

Eine Reportage von Bohdan Budai, Journalist beim Internetportal VezhA 

Fotos von Zorina Gadzhuk and Bohdan Budai.

Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten.

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